Freitag, 18. Dezember 2015

Die Kartause von La Valsainte. - Es ist der 23. Dezember. (1/3)

Soeben stand ich noch mitten im teuflischen Lärm und Getriebe von Paris. Und jetzt bin ich ohne irgendwelchen Übergang hierher geworfen, in den Abgrund der unendlichen Stille.

Und in dieser Stille, da hinter der großen Eingangspforte und den Klostermauern, wohnen die Kartäuserpatres und ihre Brüder. Sie haben sich nicht für eine kurze Spanne Zeit in die Einsamkeit zurückgezogen, um während einiger Tage zu ihrem wahren Selbst zu kommen und Gott zu suchen. Nein, sie stehen - wie die marmorne Nadel eines Obelisken in die Jahrtausende - ihr ganzes Leben lang, alle Tage und alle Nächte in der Gegenwart dieser Stille, der Stille des geistigen Kosmos, die mich so beengt.

Mein Kamerad hat angeläutet. Ein weißer Bruder, die kleine Laterne in der Hand, schließt uns die enge Nebenpforte auf. Man erwartet uns. Es ist der 23. Dezember.

Wir schreiten über den innern Klosterhof, um den ringsum Gebäude stehen, ernst und schweigend wie in der Eiswelt einer Polarnacht. Wie kleine Vöglein zirpt unter dem Schritt unserer Füße der Schnee. Jetzt betreten wir einen kalten und unbeleuchteten Klosterflügel, das Gästehaus. Die Fenster sind weiß, wie zu Milchglas gefroren. Die Kälte legt ihre eisigen Hände auf mein Gesicht, so daß ich erschauere, wie im Märchen die kleine Tai, als sie in den Eispalast der Schneekönigin gekommen war.

Aber das Herz friert hier nicht. Niemand versucht hier, wie mit Eisblöcken belastet, das Wort Ewigkeit zu buchstabieren. Die hier sind, haben sie gefunden; denn Gott hat die innersten Falten ihrer Seele mit weißem Feuer ausgeglüht und gereinigt.

Der Bruder Pförtner, dessen Antlitz ich jetzt beim matten Schimmer der Lampe sehen kann: ein ruhiges Bartgesicht, aus dem zwei himmelsklare Kinderaugen leuchten, hat uns dem Gastbruder zugeführt, der uns mit sanfter Stimme und vertrautem Lächeln herzlich willkommen heißt.

Er begleitet uns über breite, dunkle Treppen durch das hohe, eisigkalte Gebäude nach dem kleinen Gastzimmer. Mir ist, als ob ich durch eine Eismine schreite, in der kein Leben, auch kein blutwarmes, menschliches Leben, atmen kann. Einzig die reinen Seelen, die auf den Gletschern des Geistes wie in einem Gartenparadiese lustwandeln, können in dieser erbarmungslosen Kälte leben und sich in ihr glücklich finden, weil sie sich in der unmittelbaren Wirklichkeit der Gegenwart Gottes wissen.

Plötzlich höre ich von überall her ein Rauschen, ein leises, unaufhörliches Rauschen wie von Wasser, und dadurch wird die Stille noch tiefer.
Woher kommt das seltsame Rauschen? frage ich.
Das ist Wasser, wir müssen alle Wasserhähne in der Kartause wegen der Kälte Tag und Nacht laufen lassen, antwortet mir lächelnd der Bruder, der dabei einen Augenblick stille steht und die Lampe hochhält.

(Pieter Van der Meer de Walcheren. Das weisse Paradies.)



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