Donnerstag, 8. Oktober 2015

In der Tradition des heiligen Bruno schreibt sein Nachfolger Guigo II. - (4/5)

Über die Wirkungen der Kontemplation

Durch solche glühenden Worte entbrennt die Seele
immer mehr im Verlangen, tut ihre Liebe kund
und ruft in beständigem Flehen ihren Bräutigam herbei.
Der Herr aber, dessen „Augen auf die Gerechten blicken
und dessen Ohren ihr Schreien hören“ (Ps 34,16),
wartet nicht einmal, bis sie ihre Bitten ausgesprochen haben.
Er unterbricht ihr Gebet und eilt der Seele, die ihn ersehnt, plötzlich entgegen.
Er ist vom Tau himmlischer Süßigkeit benetzt und mit köstlichem Öl gesalbt.
So erquickt er sie, stillt ihren Hunger und Durst und lässt sie das Irdische vergessen.
Der Gedanke an ihn stärkt sie wunderbar,
belebt sie und macht sie trunken und nüchtern zugleich.
Und wie die Seele von sinnlicher Lust und Begierde so sehr gefesselt werden kann,
dass sie den Gebrauch ihrer Vernunft verliert,
so dass der Mensch gewissermaßen ganz fleischlich wird,
so werden dagegen in der Kontemplation seine sinnlichen Begierden
so sehr überwunden und verzehrt,
dass das Fleisch dem Geist nicht mehr widerstreitet
und der Mensch gewissermaßen
durch und durch vergeistigt wird.



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