Montag, 5. Oktober 2015

In der Tradition des heiligen Bruno schreibt sein Nachfolger Guigo II. - (2/5)

Über die Rolle der Meditation

So beginnt also die Meditation.
Sie bleibt nicht beim Äußeren stehen und hält sich nicht an der Oberfläche auf.
Sie dringt in die Tiefen ein, geht auf den Grund und erwägt alle Einzelheiten.
Sie bemerkt sorgfältig, dass der Herr nicht gesagt hat:
„selig sind, die einen reinen Leib haben“,
sondern“ ein reines Herz“,
denn es genügt nicht, unsere Hände von bösen Taten rein zu halten,
wenn nicht der Geist von schlechten Gedanken gereinigt ist.
Der Prophet bestätigt es mit seiner Autorität:
„Wer darf hinaufziehen zum Berg des Herrn?
Wer darf stehen an der heiligen Stätte?
Der reine Hände hat und ein lauteres Herz“ (Ps 24,3-4).
Die Meditation bedenkt ferner,
wie inständig der Prophet diese Herzensreinheit im Gebet erfleht hat:
„Hätte ich Böses im Sinn gehabt, dann hätte der Herr mich nicht erhört“ (Ps 66,18).
Sie erwägt, wie gewissenhaft der selige Ijob darauf bedacht war,
die Reinheit zu bewahren, denn er sagte:
„Einen Bund schloss ich mit meinen Augen,
nie eine Jungfrau lüstern anzusehen“ (31,1).
So sehr nahm dieser heilige Mann sich in Zucht,
dass er die Augen schloss, um nicht von einem Anblick überrascht zu werden,
der ihn gegen seinen Willen zu bösen Begierden reizen könnte.

Nachdem man über die Herzensreinheit nachgedacht hat, meditiert man weiter, welcher Lohn ihr verheißen ist: wie herrlich und beseligend ist es, das ersehnte Antlitz Gottes zu schauen, das schöner ist als alle Gesichter der Menschen.

Der Herr ist nicht mehr verunstaltet und erbärmlich, wie seine Mutter, die Synagoge, ihn zugerichtet hatte, sondern mit dem Gewand der Unsterblichkeit bekleidet und mit dem Diadem geschmückt, das sein Vater ihm am Tag
seiner glorreichen Auferstehung verliehen hat, an jenem „Tag, den der Herr gemacht hat“ (Ps 118,24).
Und die Seele meditiert, wie diese Schau alles Verlangen stillen wird, wie der Prophet sagt: „Ich will mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache“ (Ps 17,15).

Sieh, welch überströmender Wein aus der unscheinbaren Traube quillt,
welch ein Feuer aus dem Funken auflodert!
Wie hat sich das kleine Metallstück auf dem Amboss der Meditation ausgedehnt,
nämlich der kurze Satz: „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“. Und wie viel mehr würde es sich noch ausweiten, wenn es von einer geschickten Hand bearbeitet würde!
Ja, ich sehe, dass der Brunnen tief ist, aber da ich noch ein unerfahrener Neuling bin, habe ich nur diese wenigen Tropfen aus ihm schöpfen können.
Von diesen Fackeln entzündet und von diesem Verlangen erfüllt, beginnt nun die Seele, nachdem das Alabastergefäß zerbrochen ist, dessen Wohlgeruch zu spüren.
Sie verkostet ihn noch nicht, aber ahnt schon etwas von dem Duft.
Daraus schließt sie, welche Wonne es wäre, diese Reinheit zu besitzen,
da schon die Meditation ihr so beglückend erschien.
Aber was soll sie tun?

Sie brennt vor Sehnsucht nach ihr, findet aber in sich selber nichts,
um sie zu erlangen. Je mehr sie danach sucht, umso größer wird ihr Durst,
je mehr sie darüber meditiert, umso größer wird ihr Schmerz.
Denn sie sehnt sich nach der Beseligung, die in der Herzensreinheit liegt.
Sie erkennt sie zwar in der Meditation, hat aber nicht einmal einen Vorgeschmack davon. Weder die Lesung noch die Meditation können sie diese Wonne verkosten lassen, nur der Himmel kann sie geben.
Böse und Gute lesen und meditieren, selbst die heidnischen Philisophen, die sich von der Vernunft leiten lassen, haben erkannt, wo das höchste Gut zu finden ist.
Aber weil sie trotz dieser Erkenntnis Gott nicht als Gott verehren wollten
und in ihrem Stolz sagten:
„Durch unsere Zunge sind wir mächtig, unsere Lippen sind unsere Stärke.
 Wer ist uns überlegen?“ (Ps 12,5),
verdienten sie nicht zu finden, was sie erahnt hatten.
„Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit“ (Röm 1,21)
„und waren am Ende mit all ihrer Weisheit“ Ps 107,27),
denn sie schöpften aus den menschlichen Wissenschaften und nicht
aus dem Geist der Weisheit.

Er allein kann die wahre Weisheit schenken, jenes Verkosten des Wissens, das die Seele erfreut und stärkt und sie mit unaussprechlicher Wonne erfüllt.
Von dieser Weisheit steht geschrieben:
„In eine Seele, die auf Böses sinnt, kehrt die Weisheit nicht ein“ (Weish 1,4).
Sie geht allein von Gott aus. Der Herr hat vielen das Amt verliehen zu taufen, aber sich selber die Vollmacht und die Autorität vorbehalten, durch die Taufe die Sünden zu vergeben.
Darum sagt Johannes, um die Einzigartigkeit der Taufe Jesu hervorzuheben:
„Er ist es, der … tauft“ (Joh 1,33). Ebenso kann man sagen:
Er allein gibt die köstliche Weisheit und macht die Seele fähig, sie zu genießen.
Das Wort Gottes wird vielen angeboten, aber nur wenige empfangen die Weisheit.
Der Herr schenkt sie, wem er will und wie er will.


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