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Dienstag, 7. April 2015

Älteste Tochter der Grande Chartreuse - oder: Die Kartause der Heiligen

Die Kartause von Portes in Frankreich


Die Kartause „Chartreuse Sainte-Marie de Portes“ liegt etwa in der Mitte zwischen Genf und Lyon im Bereich Rhône-Alpes, im französischen Departement Ain (01).



Das Kloster liegt hoch in den Bergen auf fast 1.000 Meter über dem Meeresspiegel in einem engen, schwer zugänglichen Tal. Bis zum nächste Dorf sind es mehrere Kilometer. In dieser völlig abgeschiedener Lage herrscht ein raues, aber gesunde Klima.   


Die Kartause von Portes ist die zweite französisch Gründung des Ordens, die älteste Tochter des Ordens, man nannte sie früher auch die Kartause der Heiligen, weil einige Mönche, die hier lebten, heiliggesprochen wurden (hl. Arthaud, hl. Anthelme u. a.).


An seinem heutigen Standort wurde im Jahre 1115 von zwei Mönchen der Abtei von Ambronay, die als Einsiedler in den Bergen von Portes leben wollten, das Kloster gegründet. Guigo, der fünfte Prior der Grande Chartreuse, sandte ihnen einen seiner Mönche, der sie ausbilden sollte, damit sie ein Leben als Kartäuser führen konnten.


Ab 1125 wurden die Gebäude aus Steinen erbaut. Die heutigen Klostergebäude wurden ab 1640 neu errichtet. Von 1660 bis 1662 wurde eine neue Klosterkirche gebaut.


Während des Französisch Revolution 1789 musste die Gemeinschaft die Kartause verlassen und wurde weit zerstreut. Nur Dom Vallet blieb allein in seiner Zelle bis zu seinem Tod (1799), unterstützt durch die Hilfsbereitschaft der Menschen in der Nachbarschaft.


Die Klostergebäude wurden Jahrzehnte von verschiedenen Besitzern benutzt. Der Kartäuser-Orden kaufte die sich in schlechtem Zustand befindlichen Gebäude samt einem Stück Land von etwa 210 Hektar im Jahr 1855 zurück. Die Kartause wurde wieder hergestellt und ein normales Gemeinschafts- und klösterliches Leben konnte wieder aufgenommen werden. Im Zuge der antikirchlichen Gesetzgebung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Mönche abermals vertrieben; sie flüchteten in die Schweiz. Wiederum übernahmen weltliche Besitzer den Klosterkomplex.


1951 wurde das Kloster abermals vom Kartäuser-Orden zurück gekauft. Erst 1954 kam Dom Emmanuel Cluzet (1903-1993) nach Portes, um die Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten voranzubringen, bevor weitere Kartäusermönche einziehen konnten. Erschwert wurden all diese Sanierungsmaßnamen durch eine Entscheidung der Behörden, die die Klosteranlage mit den alten Gebäuden, ihren Fassaden und Dächern, bereits 1947 unter Denkmalschutz stellten. Erst 1970 konnten die Fertigstellung und Restaurierung der Klostergebäude abgeschlossen werden.

Die Kartause Portes ist eine kleine Kartause; es gibt nur 12 Einzelzellen (Häuser), die sich um den Kreuzgang, der den Friedhof umfasst, schmiegen. Dieses Klosters ist ein anschauliches Beispiel für die traditionelle Art der Kartäuser, wie ihre Ordenshäuser zu bauen waren.
Zurzeit (Januar 2015) zählt die Klostergemeinschaft 15 Mönche. Obgleich eine Anzahl davon schon älter ist, gibt es auch jüngere Altersgruppen, unter denen sich einige junge Mönche befinden. Im vergangenen Jahr wurde ein Mönch zum Diakon geweiht.

Die gemeinschaftliche Liturgie wird überwiegend in Latein und mit Gregorianischen Gesang absolviert; Lesungen, Psalmen und Fürbitten werden Französisch vorgetragen und gebetet. 


Die Kommunität um das Jahr 2012

Die Mönche erwirtschaften ihren Lebensunterhalt größtenteils durch einfache Handwerksarbeiten, die die Zellenmönche an ihrem Ort ausführen. Es werden u. a. die Holzverpackungen für Flaschen des Kartäuserlikörs „Chartreuse" hergestellt. Alle Mönche haben ihren Dienst an der Gemeinschaft durch ihre verschiedenen Tätigkeiten in Haus und Garten. Außerdem werden im Winter Waldarbeiten durchgeführt. Dennoch sind die Mönche abhängig von Spenden und den Pensionen der älteren Mitbrüder.
Die Kommunität mit dem Bischof, 2014

Die Berufung zum Kartäusermönch erfordert keine außergewöhnlichen Qualitäten und Tugenden. Es ist vielmehr ein völlig unverdienter Ruf des Herrn, dem sich der Aspirant mit der Hilfe der göttlichen Gnade, ausliefern kann und sich der Lebensweise der Kartäuser anpassen kann. Somit sind Aspiranten, die eine mögliche Kartäuser-Berufung prüfen möchten, eingeladen, das tägliche Leben der Mönche kennenzulernen. Sie können, nachdem sie sich einmal mit dem Pater Prior oder mit dem Novizenmeister besprochen haben, und diese es befürworten, für einen Zeitraum von ein oder zwei Wochen eine erste Erfahrung sammeln.

Gemeinsames Mittagsmahl an Sonn- und Feiertagen


Die kleine Kommunität führt in der Einsamkeit der Berge und Wälder ein schweigsames, brüderliches und Gott ergebenes Leben. Dies entspricht dem Ideal der Kartäuserberufung. Denn gemäß des Ordensvaters Bruno und den Konstitutionen Guigues bilden die Mönche zusammen eine einsame Gemeinschaft in möglichst enger Vertrautheit mit Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, unter dem sanften Schutz Mariens, der „Mutter aller Kartäuser". Die Jungfrau Maria ist auch der Patronin von Portes und trägt den Namen „Unsere Liebe Frau von der Himmelfahrt".








Mittwoch, 26. September 2012

François-Marie Velut als Prior von Portes 2001

Dom François-Marie Velut

„Nichts bringt uns den Menschen näher als die Einsamkeit.“


Als Dom François-Marie Velut, Prior der Kartause von Portes wurde, gab er der Zeitschrift Voix de l’ Ain ein Interview. Das Gespräch führte Chantal Lajus, von der auch dieses Foto stammt. – 28. September 2001


Michael Velut stammt aus der Champagne. Seine Kindheit verbrachte er im kleinen Seminar von Troyes, studierte an der Sorbonne und am Katholischen Institut von Paris und erwarb einen Magisterabschluss im Fach Philosophie („Der Begriff der Person im christologischen Streit des 4. und 5. Jahrhunderts“). Er verbrachte als Frere Michel 19 Jahre in einer anderen religiösen Gemeinschaft, bevor er 1989 im Alter von 40 Jahren in das Noviziat der Großen Kartause eintrat und dort 1996 seine Feierliche Profess 1996 ablegte. Am 4. Juni 2001 kam François-Marie Velut, damals Vikar des Mutterhauses, in die Kartause von Portes. Die Mönche wählten ihn zu ihrem Prior. Er wurde damit Nachfolger von Dom Etienne Descamps, der dieses Amt 28 Jahre inne hatte.

Die Kartause von Portes

 Wie haben Sie Ihre Wahl aufgenommen?
Mit viel Furcht…aber am Ende gab es genug Zeichen, die den Willen Gottes erkennen ließen. Ich musste nur noch akzeptieren. Als Prokurator des Ordens kenne ich alle Häuser ein bisschen und die kanonischen Visitationen, die alle zwei Jahre statt finden, haben mir tiefgehende Einblicke in die Erwartungen jedes Einzelnen gewährt.

In der Kirche herrscht ein großer Priestermangel. Hätten Sie nicht auf andere Weise nützlicher sein können?
Für mich war der Wunsch sehr stark, von Nutzen für die Kirche und andere Menschen zu sein. Das Apostolat übt ebenfalls eine große Anziehung auf mich aus. Um das zu verstehen, muss man sich den Plan des Glaubens vergegenwärtigen. Andernfalls bin ich mir bewusst, dass meine Aussage angesichts des Priestermangels schockieren kann. Dessen sind wir uns alle bewusst. Was für mich viel stärker wog, ist die Selbstaufgabe für Gott. Diese Wahl hat keinen Sinn, wenn man sie nicht im Glauben verortet und wenn man nicht an den Wert des Gebets und ein aufgeopfertes Leben für Gott glaubt. Wir fühlen uns als Mitglieder einer Familie, an unserem Platz in der Kirche. Uns ist bewusst, dass Christus durch andere handelt, durch die Menschen, die sich dem Apostolat hingeben oder dem Kontakt mit dem Leiden. Jeder nach seiner Rolle.

Sie als Kartäuser wenden sich ganz Christus zu, sie  leben in Kontemplation seiner Werke. Wie können Sie nicht revoltieren gegen das Böse, gegen das Leiden, die Kriege, die die Welt entzweien, gegen Terrorakte?
Diese Frage stellt die ganze Welt. Für uns Christen bedeutet sie eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Freiheit. Es ist nicht Gott, der das alles will. Das alles ist Teil seines großen Liebesplans, der die Freiheit des Menschen auf eine fast skandalöse Weise respektiert. Hat er nicht seinen Sohn geopfert? Dieser Respekt vor der menschlichen Freiheit ist ein Geheimnis der leidenschaftlichen Liebe für den Menschen, ein Geheimnis, dass uns alle in den Schatten stellt. Wir glauben, dass das ewige Leben jedes Menschen für Gott mehr Bedeutung hat als das irdische Leben und dass das Leiden, wenn es ein Weg des Heils ist, einen Sinn hat. Aus allem Schlechten kann etwas größeres Gutes entstehen. Aus menschlicher Sicht kann das, was ich hier sage, Wut auslösen. Das Böse, das Leiden sind auch Gelegenheiten der Bewältigung, der Liebe, der Großzügigkeit, der Hingabe, der Solidarität, der universellen Brüderlichkeit. Diese Antwort auf das Böse durch das Gute, das ist das Werk der Gnade Gottes. Diese Akte stellen jedes menschliche Wesen vor seine eigene Zerbrechlichkeit, seine eigene Verantwortung.

Sie bereiten sich vor, die Neunhundertjahrfeier des Todes des Hl. Bruno, Ihres Gründers, zu feiern: welche Bedeutung messen Sie diesem Gedenken bei?
Wir feiern den 6. Oktober, das ist der Tag der Geburt Brunos im Himmel, sein Eintritt in das ewige Leben. Das ist für uns die Gelegenheit, uns auf unsere Wurzeln zu besinnen, zu ergründen, was wir ihm verdanken: das Charisma unserer eigenen Berufung im Innersten der heutigen Kirche, diese Lebensart, die er begründet hat und die fortlebt im Laufe der Jahrhunderte. Er ist unser Vater, unser Gründer, unser Vorbild, unser Lehrer. Er hat uns das Beispiel der totalen Entsagung gegeben: als er herangereift war, entschied er sich, die irreführenden Vergnügungen und den vergänglichen Reichtümern der flüchtigen Welt aufzugeben, um sich auf die Suche nach Gott zu machen. Er nimmt davon Abstand, Erzbischof von Reims zu werden und wird stattdessen Eremit. Er gibt uns das Beispiel eines heldenhaften Gehorsams, als er auf den Ruf des Papstes hört – auf die Gefahr hin, dass sich seine Glaubensbrüder zerstreuen. Er zeigt uns die vollständige Gehorsamkeit im Geiste als er die Position des Erzbischofs von Reggio ablehnt. Seine Worte, sein Beispiel sprechen uns im Alltäglichen unseres Lebens an: sie können eine Ermutigung sein, unseren Weg in Momenten der Prüfungen, des Zögerns, der Versuchungen weiterzuverfolgen…Inspiration, um noch weiter zugehen in unserer radikalen Hingabe an den Herrn. Wissen Sie, wir sind keine Übermenschen, wir haben Fehler, wir sind nichts als demütige Christen. Die Einsamkeit und das Einüben der Wüste bringen uns den Menschen viel näher.

[aus: Voix de l’Ain 28. September (Archivphotos von 2001 / Chantal Lajus)]

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