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Freitag, 26. Oktober 2012

Sterne über Sélignac (Sélignac, 12 von 12)

Einige Tage später verlasse ich die Kartause von Sélignac, stürze hinaus, haue ab. Gescheitert beim Versuch, meine kleinlichen Abgründe an diesem Abgrund zu messen.


Hin und wieder nehme ich Dom Etiennes Brief und lese, immer noch fasziniert, seine Zeilen der Ermutigung. Es ist schon Jahre her. Wir haben uns nicht mehr geschrieben. Aber, es gibt Zeiten, an denen ich zum nächtlichen Himmel aufblicke, und mir die Sterne von Sélignac ganz nahe sind.

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Eiskalt und uralt (Sélignac, 11 von 12)

Als der Prior mit geballter Faust wieder auf das Pult klopft, staune ich, dass die zwei Stunden schon vorüber sind. Die Dunkelheit draußen ist jetzt vertrauter, fortgeschrittener, man hat mit ihr gewacht. Im Innenhof empfinde ich erstmals eine tiefe Dankbarkeit. Keine größere Nacht in meinem Leben, ich will nicht mehr sagen. Auf der Wand des Innenhofes die überlebensgroßen Kapuzenköpfe der beiden Brüder hinter mir. Nie habe ich sie, die das große Zellengebäude mit mir teilen, zu Gesicht bekommen. Doch werde ich sie immer so in Erinnerung behalten: zwei Schatten nach dem Nachtoffizium der Kartäuser. Sterne über Sélignac, Kosmisches Einverständnis. Eiseskälte, inzwischen minus 25 Grad. Ihr schweres Schuhwerk auf den Steingängen. Gänsehaut, wie nach einer Vision.


Das Wecken, kurz vor sechs, ist grausam, die Kälte erschreckender denn je, draußen noch immer tiefste Nacht, Schreie von Raubvögeln weit oben in den unsichtbaren Schneefelsen. In der Kirche beginnt nach der Laudes die Eucharistie. Gleich fällt auf, dass sie sich ihre uralten Ritustraditionen bewahrt haben, die das Spärliche, Ausgewischte mit der Langsamkeit verbinden. Es zählt nur die dramatische Intensität der sakralen Handlung, des heiligen Spiels. Die in Kreuzesform weit ausgebreiteten Arme des Priesters beim Hochgebet. Das mysteriöse Zusammenspiel von Kampf und Kontemplation. Mose, der Einsame auf dem Berg, lies die Arme nicht sinken, während Josua in der Ebene, bei wechselndem Kriegsglück, mit den Amalekitern kämpfte. Abendmahl und Abschiedsszene, Brotbrechen, Weintrinken, Danksagen im Schatten tödlichen Verrats. Mehr als eine Stunde dauert an diesem Wochentag die Messe, aber hier ist nichts beiläufig, nichts Routine. Nur heiliger Ernst, dem sich niemand entziehen kann.

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Nachtoffizium (Sélignac, 10 von 12)

Als der Gesang anhebt, wirkt das wie ein Schock, nicht wie ein Zusammenzucken oder Erschrecken, sondern wie ungläubiges Staunen. 20 Männerstimmen, die um dringende Hilfe und gnädigen Beistand flehen. Gregorianischer Choral aus unvordenklichen Zeiten, den sie, ohne instrumentalen Anstoß, leise und langsam singen. Aus der tiefen Stille tretend, gelingt es ihnen im fliegenden Wechsel die Stille mit anderen Mitteln fortzusetzen. Nie zuvor erschien es mir so fühlbar, dass der gregorianische Gesang nicht nur Hymne an die Stille ist, sondern in ihr wurzelt, in sie zurückfließt. So, wie die Wüstenväter das Schweigen als „die Sprache der Engel und der zukünftigen Zeit" betrachteten, offenbart diese Nacht eine mysteriöse Verwandtschaft zwischen Gesang und Stille, sie wird nicht nur hörbar, es ist schlimmer, sie überflutet, ergreift Besitz von den Landschaften der Seele.


Diese Kirche ist nicht schön, und doch scheint sie in dieser verrückten Stunde ein kongenialer Ort zu sein, dem „einzig Notwendigen" allen Platz, alle Zeit zu widmen. Das Chorgestühl, in dem man abwechselnd steht, sitzt oder lehnt, hat hohe Seitenwangen. Man kann sich darin zurückziehen, zurückfallen lassen. Der Nachbar verschwindet, nur noch Schatten, Silhouetten. Die Aufteilung in drei Nokturnen mit mehreren Psalmen, vier Lesungen und Responsorien unterliegt einer strengen Regie, doch sie erfolgt freihändig, auswendig, manchmal möchte man meinen, traum-, nein, seiltänzerisch. Nichts, das den Fluss ihres Ablaufs stören oder aufhalten könnte. Selbst die Fehler oder Versprecher sind darin angenommen und werden, je nach Gravität der Abweichung, mit der „venia", einem Kuss des Chorpultes oder des Fußbodens, liebevoll aufgefangen. Eine besondere Haltung der Hingabe bedeutet die "Prostration", ein Sich-Hinwerfen, Sich-Hinstrecken, Im-Boden-Versinken, das in der Enge zwischen der Rückwand des Chores und der Bücherablage in einer sonderbaren seitlichen Krümmung geschieht. Ich muss mich erst zurecht finden, doch dann liegen wir alle, wie die Lemminge, flach auf den blank getretenen, kalten Holzplanken. Lange, wie mir scheint. Nichts geschieht hier für die Galerie.

Psalmen, Hymnen und Lesungen folgen der saisonalen Dramaturgie des Kirchenjahres. Dann fallen Worte, die wie Axthiebe die Stille durchschneiden. In den Tagen vor Anbruch der großen Fastenzeit gedenken sie des heiligen Einsiedlers Petrus Damianus, der kleinen Bernadette Soubirous aus Lourdes oder des Sonntags Quinquagesima. Das Licht fällt gebündelt auf die gelblichen Seiten des Lektionars. Heute Nacht Paulus im Korintherbrief: „Jetzt sehen wir wie durch einen Spiegel, rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht." Der strenge Prokurator steht am Pult, „das Verbrechergesicht", noch düsterer, unrasiert, in diesem „clair-obscur", aber, wie sehr tue ich ihm Unrecht, seine Stimme ist männlich, glaubwürdig, als rezitiere er Vertraulichkeiten aus einem intimen Tagebuch: „Jetzt erkenne ich nur stückweise; dann aber werde ich ganz erkennen, so wie ich selbst erkannt bin."

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

Dienstag, 23. Oktober 2012

Die Mönche (Sélignac, 9 von 12)

Es ist kurz vor Mitternacht und ein Moment großer Spannung. Jetzt betreten die Mönche die Kirche. Sie kommen einzeln, treten vor den Altar, verbeugen sich und reichen einander abwechselnd den auf- und abbaumelnden Glockenstrang. Jeder zieht mit einer Hand eine Weile daran und gibt ihn wie in einer Seilschaft weiter. Alles geschieht entschlossenen, fast sportlichen Schrittes.


Zum ersten Mal sehe ich die Gesichter unter den spitzen, weißen Kapuzen. Bisweilen die Spur eines Lächelns. Drahtig, athletisch, hohle blasse Wangen, dann wieder kindliche Sanftmut. Mit zwei, drei geübten Handgriffen rücken sie die großen Antiphonare ins rechte, spärliche Licht. Die alten Bücher haben Eisenverschlüsse, wie zum Bewahren von Schätzen. Das Wort, das Wort. Halbdunkel, Halbschatten, da ist eine große Vertrautheit mit der Nacht.

Furcht und Ängste sind längst verschwunden. Statt dessen erhöhte Wachsamkeit, gelassene Konzentration auf die Übersetzung, die mir der Prior zuschiebt, bevor er mit einem harten Klopfen das Nachtoffizium eröffnet. Nur die Kälte ist geblieben, doch sie gehört existentiell zum Ritual dieser extremen Stunden. Sie nistet tief im schmucklosen Gemäuer dieser Kirche, sie ist aufgeladen mit reinigender Kraft.

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

Montag, 22. Oktober 2012

Angespannte Schlaflosigkeit (Sélignac, 8 von 12)

[ … ] Ich finde in der Nacht keinen Schlaf. Zu früh erlischt die Lampe, dann kriecht die Kälte heran, ich wehre mich mit allen verfügbaren Decken, doch sind es die „Gedanken", die mich hartnäckig daran hindern, endlich Ruhe zu finden. Tückische und zugleich lächerliche Gedanken: das Gefühl des Eingeschlossenseins, die Furcht, der kleine Kartäuserofen werde giftigen Qualm freisetzen, die Furcht, den „Exzitator" beim Wecken nicht zu hören, die Furcht vor dem bösen Erwachen. Blanke Ängste schließlich aus der Dunkelkammer des Unterbewussten: Probleme und Sorgen, denen ich nicht gewachsen bin, die Erfahrung des Scheiterns, Abstürze, Trennungen, viel Trauer, das Empfinden, große Schuld auf mich geladen zu haben. In den kleinen Einsiedlerhäuschen am großen Kreuzgang beten die Mönche schon die Marienmette. Das geht mir durch den Kopf: eine souveräne Frau als Zuflucht im „Tal der Tränen". Dann dringen dumpfe Glockenschläge und Schritte in das Niemandsland meines Halbschlafs, immer näher, zunächst ein kurzes, trockenes Klopfen, dann eine tiefe Männerstimme, ich antworte erschrocken, springe aus der Bettengruft ans Wasserbecken. Schwache Lichter auf den Gängen, man wagt kaum aufzutreten. Die Kälte draußen ist schneidend - das Thermometer sank auf minus 22 Grad -, aber sie belebt. Ich bin hellwach, als ich die große Tür zum Mönchschor öffne und rechts, neben dem Prior, meinen Platz finde.


(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

Sonntag, 21. Oktober 2012

Der Prior (Sélignac, 7 von 12)

Vor der Dämmerung kommt der Prior zu Besuch. Ich sehe ihn ohne Mantel über den Hof gehen, sein entschlossener Schritt nähert sich über die Steingänge. Klack, klack. Ein kurzes Klopfen, seine feste Hand. Der Prior ist Spanier, sein Französisch erfinderisch. Er will mir nur sagen, dass er mir alle Freiheit lassen möchte. Dann macht er einige Vorschläge für das Nachtoffizium, weist den Weg über den Hof zur Kirche, vorbei an den Brüdern, dem braunen Rudel der Armen, in den Mönchschor. Dies mittels des geheimnisvollen Sonderschlüssels, den er mir anvertraut und der in den Sperrbezirken des Verschwiegenen fast alle Türen öffnet. Viele Fältchen um seine Augen, wenn er lächelt, auch rote Ringe, Asketenrot, als weine er vieL


Der kleine Kartäuserofen steht auf dünnen Beinen fast zu ebener Erde. Ein bisschen Papier, zwei Handvoll Sägemehl und darüber die Holzscheite. Öffnet man den Kaminzug, schlagen die Flammen vehement gegen die Gusswände. Wie ein Trommeln. Durch die Schlitze und Ritzen flackert es lichterloh über den Holzboden. „Bruder Feuer", so empfand es Franziskus. Im Reich der Kälte ist das eine solidarische Nähe. Die blubbernde Glut macht die Zellenwüste plötzlich häuslicher.
[ … ].

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)
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