Dienstag, 23. Oktober 2012

Die Mönche (Sélignac, 9 von 12)

Es ist kurz vor Mitternacht und ein Moment großer Spannung. Jetzt betreten die Mönche die Kirche. Sie kommen einzeln, treten vor den Altar, verbeugen sich und reichen einander abwechselnd den auf- und abbaumelnden Glockenstrang. Jeder zieht mit einer Hand eine Weile daran und gibt ihn wie in einer Seilschaft weiter. Alles geschieht entschlossenen, fast sportlichen Schrittes.


Zum ersten Mal sehe ich die Gesichter unter den spitzen, weißen Kapuzen. Bisweilen die Spur eines Lächelns. Drahtig, athletisch, hohle blasse Wangen, dann wieder kindliche Sanftmut. Mit zwei, drei geübten Handgriffen rücken sie die großen Antiphonare ins rechte, spärliche Licht. Die alten Bücher haben Eisenverschlüsse, wie zum Bewahren von Schätzen. Das Wort, das Wort. Halbdunkel, Halbschatten, da ist eine große Vertrautheit mit der Nacht.

Furcht und Ängste sind längst verschwunden. Statt dessen erhöhte Wachsamkeit, gelassene Konzentration auf die Übersetzung, die mir der Prior zuschiebt, bevor er mit einem harten Klopfen das Nachtoffizium eröffnet. Nur die Kälte ist geblieben, doch sie gehört existentiell zum Ritual dieser extremen Stunden. Sie nistet tief im schmucklosen Gemäuer dieser Kirche, sie ist aufgeladen mit reinigender Kraft.

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

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