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Mittwoch, 11. Januar 2012

Drei Stufen

Einführung zum Goldenen Brief, 4

Zu den drei Stufen des geistlichen Lebens:

Auf der ersten Stufe, der des tierischen, animalischen, geht es darum, sich von der Tyrannei seiner Sinne zu befreien; deshalb muss man sich abtöten und Zucht und Enthaltsamkeit üben. Und man muss unbedingten Gehorsam üben, denn Einsicht und Wille sind nicht „Herr der Lage“. Man muss sich einem Führer anvertrauen.

Auf der zweiten Stufe, der des vernünftigen, rationalen Menschen, muss dieser sich beharrlich um Selbstentäußerung und Loslösung von seinem falschen „Ich“ mühen. Ein solcher Mensch ist in dem Maße vernünftig, wie er sich dem Werk der Läuterung hingibt. Ist er aber geläutert, wird er zu einem  geistlichen Menschen.

Auf dieser dritten Stufe angelangt, werden ihm „göttliche Lichter“ zuteil, in denen der Heilige Geist spürbar an ihm wirkt. So wird das göttliche Ebenbild nach und nach in ihm wieder hergestellt.

Das gesamte Leben ist für den Mystiker Wilhelm auf die Erfahrung Gottes ausgerichtet.
Mit dem Wort „schauen“ meint er das Rühren an Gott. Das Erkenntnisvermögen wird eher ergriffen als dass es selbst etwas begreift. Und dieses „an Gott rühren“ lässt ihn auch an dem Wahrnehmungsvermögen der anderen Sinne beschreiben, wie: Gott berühren, ihn verkosten, oder ihn schmecken, fühlen und hören. Wenn die Seele Gott trifft, weil sie von ihm getroffen wird, erwacht ihr „Sinnesorgan der erleuchteten Liebe“. Auf diesem Weg der Liebe fließt der Heilige Geist, die Liebe in Person, in die Seele ein und überströmt sie und wandelt sie um.

Lassen wir Wilhelm von Saint-Thierry, einen der großen Zisterzienserväter, selbst zu Wort kommen und hören wir, was er den Kartäusern geschrieben und uns „Heutigen“ zu sagen hat

(Die vorstehenden Ausführungen entstammen z. T. aus einer Mitschrift einer Vortragsreihe über die Spiritualität der Zisterzienserväter aus dem Jahre 1977).

Auf den Stufen des Weges, Moldauklöster

Dienstag, 10. Januar 2012

Der Brief an die Brüder von Mons Dei

Einführung zum Goldenen Brief, 3

Der Brief an die Brüder von Mons Dei (PL 184, 307-354)

Der Brief Wilhelms bietet bis heute eine reife und praktische Darstellung eines geistlichen Stufenweges im Mönchtum. Und es handelt sich um eines der besten Zeugnisse für die geistliche Verbundenheit, ja Verwandtschaft von Kartäusern und Zisterziensern. Diese Abhandlung ist geschrieben für Kartäuser und schildert genausogut das geistliche Programm der Zisterzienser.

Die Hauptthemen der geistlichen Lehre Wilhelms sind:
die Struktur der Seele,
die Seele als Abbild Gottes,
die Stufen des geistlichen Lebens,
die Liebe als Erkenntnisvermögen.

Er teilt den Weg zur Kontemplation in drei Stufen ein.
(Homo animalis, Homo rationalis, Homo spiritualis):

Der Mensch beginnt, nach Paulus, als ein „tierisches“ Wesen, d. h. er ist zunächst ganz von seinen Instinkten, seiner Sinnlichkeit, seiner irdisch eingestellten Psyche geleitet.
Er lernt erst allmählich, sich vom Verstand leiten zu lassen, d. h., nicht einseitig vom Intellekt, sondern von seiner geistlichen Verantwortung und seiner Erkenntnis, was Gott von ihm will.
Schließlich wird er ein geistlicher Mensch, der vom Geist Gottes geleitet, ihn lebendig erfährt und eins mit ihm wird.

Die Seele wurde erschaffen nach Gottes Ebenbild. Ihre drei Grundvermögen entsprechen den Personen der Dreifaltigkeit:
-das Gedächtnis (memoria) dem Vater,
-die Einsicht (ratio, intelligentia) dem Sohn,
-der Wille bzw. die Liebe (voluntas, amor) dem Heiligen Geist

Diese unzerstörbare Grundstruktur der Seele muss „bearbeitet“ und ans Licht gebracht werden. Der Mensch muss sie erspüren, ihrer gewahr werden und er muss sie in Liebe und Kontemplation betätigen. Durch die Sünde, die das Göttliche verborgen hat, war die Seele nicht mehr Gott zugewandt.

„Die Seele wurde als Ebenbild und zur Schau Gottes geschaffen. Und sobald sie anfangen sollte, Gott zu verkosten, begann sie sich der Unvernunft zuzuneigen; sie ging fort vom Angesicht des Herrn wie Kain, und wohnt im Land der Unebenbildlichkeit… Sie ist in die Knechtschaft ihrer Fehler verfallen, und entfremdet vom Frieden der Söhne Gottes …“

Überreste der ehemalige Kartause "Mons Dei"

Montag, 9. Januar 2012

Wilhelm von Saint-Thierry

Einführung zum Goldenen Brief, 2

Wer war Wilhelm?

Wilhelm von Saint-Thierry wurde 1070/75 in einer Lütticher Adelsfamilie geboren. Er studierte in Reims und trat dort in ein Kloster ein, in dem er „ein unreines Leben führte“, wie er von sich sagte. Im Jahre 1121 wurde er zum Abt gewählt für das Kloster der Benediktiner von Saint-Thierry. Mit Bernhard verband ihn eine herzliche Freundschaft und er wollte ihm gerne nach Clairvaux folgen. Bernhard ließ das nicht zu. Er schrieb ihm:

„Ich rate dir, halte an dem fest, was du hast; bleibe wo du bist, und bemühe dich, denen zu nützen denen du vorstehst. Fliehe nicht davor, vorzustehen, solange du deinen Brüdern nützen kannst. Freilich, wehe dir, wenn du vorstehst, ohne zu nützen. Aber noch ein schlimmeres Wehe dir, wenn du aus dem Vorsteheramt fliehst, weil du nicht mehr nützen willst!“

Doch 1135 legte Wilhelm sein Abtamt von Saint-Thierry nieder. Er trat in dem gerade von Igny aus gegründeten Zisterzienserkloster Signy ein, deren erster Postulant er wurde. Tatsächlich erwies sich das Zisterzienserleben als zu schwer für den bereits über sechzigjährigen. Er wurde von harten Arbeiten befreit und konnte sich so mehr dem Gebet, der Kontemplation und dem Schreiben widmen. Er starb im Jahre 1148.

Sonntag, 8. Januar 2012

Kartäuser und Zisterzienser

Einführung zum Goldenen Brief, 1

Verwandtschaft von Kartäusern und Zisterziensern

Zwischen 1140 und 1144 besuchte der Zisterzienserabt Wilhelm die Kartause Mons Dei. Er muss dabei auf die Kartäusermönche einen großen Eindruck gemacht haben, denn sie erbaten sich von ihm hernach eine „geistliche Wegweisung“. Wilhelm schrieb auf diese Bitte hin seinen berühmten „Brief an die Brüder von Mons Dei“; den „Goldenen Brief“, wie ihn Jahrhunderte später Jean Mabillon treffend genannt hatte.

Im „Zeitalter des heiligen Bernhard von Clairvaux“, dem wichtigsten der Väter des Zisterzienserordens, gab es nicht nur Auseinandersetzungen um die Art und Weise, wie Mönchsleben „zu gehen hat“ (nach der Blütezeit der Cluniazensern Reform, der benediktinischen, damals weitverbreiteten mönchischen Lebensweise, oder Streitereien über die Glaubenswahrheiten, wie sie etwa Bernhard selbst mit Abaelard führte. Es war auch die Zeit großer geistlicher Aufbrüche, zu denen neben der Bewegung der Zisterzienser auch das Ideal der Kartäuser zählte, sowie im Süden Europas etwa die franziskanische Bewegung. Ihnen allen gemein waren die Ideale, die Ziele: Anschauung Gottes, Erfüllung des Liebesgebotes Jesu, die uneingeschränkte und konsequente Nachfolge Christi, so wie sie diese jeweils verstanden.

Schon von Anfang an gab es eine große geistliche Nähe und Verbundenheit zwischen der zisterziensischen und der kartusianischen Ordensbewegung, die bis heute nachverfolgt werden kann. Der Brief Wilhelms ist ein solches Bindeglied.

Vicente Carducho 1632, Sankt Bernhard besucht den Prior der Großen Kartause, Paris, Louvre

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