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Montag, 14. Dezember 2015

„Ich weiß“

IL208-Z.23.4b

Ich weiß, dass in dieser Welt die Gnade einem jeden gegeben wird  
nach dem Maß, wie Christus sie gegeben hat (Eph4,7);
ich weiß, dass im andern Leben die Glorie 
dem Maß der Gnade entsprechen wird, 
das ich auf Erden zur Frucht habe reifen lassen;
ich weiß, dass ich in der Ewigkeit die Entwicklung besitzen werde, 
die ich in der Zeit erworben habe;
ich weiß, dass ich in dem Maß zunehme, 
in dem ich mich von den Flecken des Bösen wasche.

Und das ist alles, was ich weiß.

Ich täusche mich, denn ich weiß noch mehr.
Ich weiß, dass hier ein jeder sein Maß 
und dass am Himmel der Auserwählten jeder Stern 
seine unterschiedliche Helligkeit hat (1 Kor 15,41);
ich weiß, dass die Arbeit des Wachstums und der Verherrlichung 
unwiderruflich mit dem Tode abschließt,
dass jeder in dem Maß der Verdienste ewig verbleibt, 
in dem er sich in der Stunde des Hinübergangs befunden hat (Sir 11,3).

Ich muss, solange es Tag ist, die Werke dessen tun, der mich gesandt hat; 
die Nacht kommt, in der niemand mehr wirken kann (Sir 11,3).

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151214)




Samstag, 12. Dezember 2015

Elend und Reichtum

IL208-Z.23.4a

In welchem Ausmaß sich die Reinigung vollzieht, habe ich soeben gesehen, als ich die fünf Stufen der Frömmigkeit durchging, weil diese fünf Stufen durch den Fortschritt der innerlichen Reinigung charakterisiert werden. Aber in welchem Maß die Seele ihre Empfänglichkeit für das Göttliche und ihre ewigen Verdienste vermehrt, das ist das Geheimnis Gottes. 

Ich kenne das Elend, dessen ich mich entäußere, aber ich kenne nicht die Reichtümer, die ich mir erwerbe. Welche Größe die Tugend in mir erreicht hat, wie viel Verdienste ich erworben habe, wie hoch meine Seele sich erhoben hat, welchen Platz ich im Himmel einnehmen werde, alle diese Geheimnisse werden mir nur in der Klarheit des zukünftigen Lebens geoffenbart werden.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151212)



Freitag, 11. Dezember 2015

Berufen zur höchsten Höhe

IL208-Z.23.3

In Bezug auf ihre innere Reinigung werden im Himmel alle Seelen gleich sein, die eine wird nicht reiner sein als die andere, weil alle vollständig rein sein müssen. Nach diesem Gesichtspunkt ist die Berufung für alle die gleiche, alle sind berufen, auf die höchste Höhe zu kommen. In diesem Sinne hat das Gebot, das mich verpflichtet, Gott aus meinem ganzen Wesen zu lieben, den gleichen vollkommenen Umfang für mich, wie für die Heiligen und für die Engel. Das Wort Gottes in seinem großen Gebot ex toto besitzt eine grenzenlose Strenge. Kein Flecken, keine Unvollkommenheit, kein Staub darf in meiner Seele sein, ebenso wenig wie beim Engel. Ich bin also zur vollkommenen Reinheit, zur höchsten Vollendung berufen.

Hier muss man jedoch einen Unterschied ins Gedächtnis rufen. Es gibt in der Arbeit des innerlichen Lebens und in seinem Aufstieg auf den fünf Stufen der Frömmigkeit zwei Teile: der eine, negative, besteht in der Reinigung; der andere, positive, besteht in der Verherrlichung.

Während dieses sterblichen Lebens schreiten diese zwei Teile der Entwicklung für das Göttliche niemals getrennt vorwärts. Jede Reinigung ist von einer Erweiterung der Seele und von einem Wachstum an Verdiensten begleitet.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151211)



Donnerstag, 10. Dezember 2015

Was wird für mich das Fegfeuer sein?

IL208-Z.23.2

O mein Gott! Was wird also das Fegfeuer sein? Was müssen seine Flammen in mir alles verzehren? Nicht bloß die Sünden, nicht bloß die Unvollkommenheiten, sondern alles, was menschlich ist, alles Geschöpfliche?

Müssen sie die volle Umgestaltung meines Wesens bewirken? Wenn diese Wirksamkeit in dieser Welt bei den Heiligen so lange, so schmerzvoll ist; wenn soviel Kreuz und soviel Trübsal erforderlich ist, um sie zu vollenden; wenn mich ihre Entäußerung vom allem zum Zittern bringt, mein Gott, was wird für mich das Fegfeuer sein!

Mir wird jetzt sowohl die kleine Zahl der Seelen klar, die direkt in den Himmel eingehen, als auch die Lehre der Kirche vom Fegfeuer und warum sie so sehr darauf dringt, dass für die Toten gebetet wird. „Wenn ich Zeit bekomme, an der Schwelle der Ewigkeit," spricht der Herr, „richte ich mit Gerechtigkeit." (Ps (74) 75,3). Sieh hier das Gericht der Gerechtigkeit.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151210)


Mittwoch, 9. Dezember 2015

Vom Fegfeuer

IL208-Z.23.1

Wie energisch sollte ich mir doch das Verlangen des heiligen Franz von Sales aneignen! Denn diese Vernichtung, diese gänzliche Reinigung des menschlichen Wesens, diese vollständige Übertragung meines ganzen Ich in das Reich der Liebe des Sohnes Gottes, der mich würdig und fähig macht, im himmlischen Licht an der Gesellschaft der Heiligen teilzunehmen (Kol 1,12-13), muss vor dem Eintritt in den Himmel vollzogen und in mir vollendet werden. Keiner wird dort eintreten, bevor diese Arbeit vollendet ist. Was nicht in dieser Welt getan wird, wird im Fegfeuer getan. Wenn nur wenigstens die Arbeit angefangen ist, denn die Todsünde bleibt die ewige Beute der Hölle. Man muss durch den Tod zum Leben eingehen. Alles muss sterben, um wieder aufzuleben.

Ja, all diese beinahe unendliche Arbeit der Heiligung, diese Entäußerung, diese Vernichtung, diese Umbildung des Menschlichen, soll als unerlässliche Bedingung des Eintrittes in den Himmel vollzogen werden. „Fleisch und Blut werden das Reich Gottes nicht besitzen, noch die Verweslichkeit die Unverweslichkeit,“ sagt der heilige Paulus. Das Verwesliche muss die Unverweslichkeit anziehen, das Sterbliche die Unsterblichkeit. Bis sie vollständig gereinigt ist, sagt der heilige Johannes vom Kreuz, „kann die Seele weder hier unten Gott so besitzen, dass sie ganz in der Liebe in ihm umgestaltet wäre, noch dort oben in der klaren Anschauung." (Johannes vom Kreuz, Aufstieg zum Berge Karrnel, 1. Buch, 4. Kap.). Wenn in dieser Welt Gott mit der Seele jene volle Vereinigung, die die geistliche Vermählung genannt wird, nur nach der
vollständigen Vernichtung des Menschlichen eingehen kann, wie könnte er ohne diese die ewige Vereinigung in der Glorie vollziehen!

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151209)



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