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Dienstag, 2. Juli 2013

Hingabe an Gottes Willen

Nigg, als Kenner der mystische Traditionen, und sein Blick auf die Situation der Gegenwart und der Zukunft der Kirche im 21. Jahrhundert: es bedarf einer vollständigen Hingabe an den Willen Gottes.

>>> Wer als Biograph immer wieder das Geheimnis der Heiligen umkreiste, wer Mönche in ein Gespräch über die Mitte ihres Glaubens zog, der musste sich die Gretchenfrage gefallen lassen. Der Kartäuser hatte diskret nach dem »Gottesleben« in der evangelischen Kirche gefragt, aber es ging um mehr als um Information und Verbreitung von theologischem Wissen. Die Frage zielte auf die evangelische Weisheit, auf Erfahrung und gelebte Spiritualität des Autors selbst. Das hatte Nigg verstanden, und deshalb musste er auch von seinen eigenen Erlebnissen sprechen. Er tat es in der ihm gemäßen Weise im Anhang des Buches [»Heimliche Weisheit«] als offenbares Geheimnis, damit Leser mit spirituellem Spürsinn es verstünden.

In der Mittagszeit zwischen ein und zwei Uhr, wenn Nigg in seinem Arbeits- und Schlafzimmer zu ruhen pflegte, hatte er deutlich das Flüstern einer inneren Stimme vernommen: Nigg hat das Geheimnis dieser Erfahrung der Gottesfreundschaft nur angedeutet. Von Liebe und Seligkeit der Seele ist die Rede. Ob er Christus als Sophia geschaut hat, wissen wir nicht. Doch gewiss hat ihn dieses Erlebnis der göttlichen Freundschaft für die Sophienmystik eines Jakob Böhme, Johann Georg Gichtel und Gottfried Arnold eingenommen. Denn in ihr geht es immer wieder um die Erfahrung der Liebe Gottes im Kontrast oder auch in Ergänzung zu der menschlichen Liebe.

Niggs Ausführungen umkreisen nicht nur den mystischen Kern der Sophienmystik, sondern erörtern immer wieder die Frage der Vereinbarkeit von absoluter Gottesliebe und Ehe. Das zeigt, wie stark Nigg nach der Begegnung mit Mönchen und zölibatär lebenden Mystikern sein eigenes Leben als Mystiker und Ehemann immer wieder neu bedachte. Schließen sich Gottesliebe und Menschenliebe aus? Kann man in der Ehe ganz Gott hingegeben sein?

Das sind gewiss nicht nur Fragen eines evangelischen Seelsorgers, sondern es ist für Nigg eine Frage nach dem neuen Heiligentypus evangelischer Prägung, der in vollständiger Hingabe an den Willen Gottes lebt und zugleich in liebender Hinwendung zur Welt. Nigg ist ein Mystiker der Liebe. Der Baum seiner Mystik verzweigt sich weit in die Welt der Heiligen. <<<

(Hervorhebungen von mir)

(vgl. Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie, TVZ Theologischer Verlag Zürich)


Montag, 1. Juli 2013

Polemik gegen den Zeitgeist der fünfziger Jahre

>>> Nigg hatte an der Pforte von La Valsainte auch jenen süßen vierzigprozentigen Kräuterlikör »Chartreuse« gesehen, durch dessen Verkauf sich die Gemeinschaft einen kleinen Verdienst erwirbt. Dieses in Frankreich hergestellte Produkt verleitet Nigg zu einem Seitenhieb, [...]:

»Kennt doch der Durchschnittsmensch von diesem Orden in der Regel nur den Namen dieses süßen Likörs. Damit wissen jedoch jene Genießer, die in den Bars auf jenen lächerlich hohen Stühlen sitzen, um mit lässiger Gebärde die Leerheit ihres Lebens zu vergähnen, von dem Orden nur gerade das, was mit seinem Geist nicht das geringste zu tun hat.« <<<

(Hervorhebungen von mir)

(vgl. Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie, TVZ Theologischer Verlag Zürich)






Samstag, 29. Juni 2013

Heiliger Schauder

>>> Nigg durfte auch dem nächtlichen Gebet der Mönche und Brüder beiwohnen. Benedikt von Nursia hatte die herausragende Bedeutung dieser Nachtwachen zwischen 23 Uhr und 2 Uhr in der Morgenfrühe betont. Im Stundengebet sollte der Mönch in den ewigen Lobgesang der Engel einstimmen. Wer aber den Schlaf unterbricht und zur Mitternachtsstunde die Psalmen singt, der führte schon auf Erden ein Engelleben.

In der Kirche von La Valsainte erlebte Nigg dieses Mysterium hautnah. Keine Orgel begleitete den lateinischen Gesang in der nur notdürftig vom Kerzenschein erhellten Kirche.

Nigg war in die Rituale nicht eingeweiht worden und reagierte mit einem heiligen Schauder, als sich die Mönche während des Chorgebetes plötzlich zu Boden warfen. Sie sanken nicht auf die Knie, sondern lagen mit über den Kopf gezogenen Kapuzen ausgestreckt auf den kalten Steinen. Nigg war von dieser Gebetshaltung in vollkommener Hingabe an den Willen Gottes nachhaltig tief bewegt, ergriffen, ja geradezu erschüttert:

»Dieses unerwartete und schlagartige Niederwerfen des Körpers auf die bloße Erde wirkt erschütternd; man scheut sich, dieses Innerste ans Tageslicht zu zerren.«

Das Bild dieser Hingabe in Demut und der nächtliche Gesang wurden für Nigg zu einer unauslöschlichen Erinnerung. <<<

(Hervorhebungen von mir)

(vgl. Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie, TVZ Theologischer Verlag Zürich)

Freitag, 28. Juni 2013

Die Kartause - keine Romantik

>>> Nigg sah die Kartause nicht mit dem verklärten Blick des Romantikers. Das Leben in La Valsainte ist überaus hart und nur für eine Elite bestimmt. Auch wenn er eine geistige Verwandtschaft zu den Mönchen spürte, so wusste er doch, dass er zu ihrem Leben nicht berufen war. Das karge Klosterleben der Kartäuser hatte nichts gemein mit jenem des Hieronymus im Gehäuse bürgerlicher Gelehrsamkeit, dem Nigg letztlich doch verhaftet blieb.

Gewiss, auch sein Tagesrhythmus folgte einer klaren Struktur, aber die Unterbrechungen der Arbeit durch einen Orangensaft am Vormittag, eine Mittagsmahlzeit auf altem Familienporzellan und einen Abendimbiss waren doch meilenweit entfernt vom Gebetsleben dieser Gottesmänner. Verglichen mit ihrer Askese war jedes Weltkind ein armer Sünder.

Hier in der Kartause erfuhr Nigg in aller Tiefe den hellen Glanz einer anderen Welt, die alles Leben in der Gegenwart, auch sein eigenes, in den Schatten stellte. In der »großen Stille«  erlebte Nigg das Leben in seiner reinen Form. Vor diesen Kartäusern schrumpfte auch er zu dem Durchschnittsmenschen, gegen dessen oberflächlichen Lebensstil er immer wieder wetterte. Hier erlebte er die Glut des Gebets, die er an den spanischen Mystikern so sehr liebte.

»In der Kartause wird ein christliches Dasein von einer Unbedingtheit gelebt, das sich dem Besucher als unauslöschliche Erinnerung einprägt.« <<<

(Hervorhebungen von mir)

(vgl. Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie, TVZ Theologischer Verlag Zürich)

Donnerstag, 27. Juni 2013

Was wäre wenn

>>> Nigg durfte in dem Kloster übernachten. Allein in der Zelle, spürte er das Mysterium des Ortes in großer Verdichtung. Es wurde ihm unheimlich, ein Entsetzen packte ihn und der Gedanke an Flucht schoß ihm für einen Moment durch seinen Kopf, Verglichen mit den Einsiedlermönchen, die sich so radikal von allem Weltlichen abwenden, fühlte sich Nigg mit seiner Liebe zur Kunst und zur Dichtung, all seinen Verpflichtungen als Pfarrer, Ehemann und Vater als sündiges Erdenkind.

Wie wäre sein Lebensweg verlaufen, wenn er nach dem Tod der Mutter bei den Verwandten geblieben wäre und sich ihren Versuchen der Rekatholisierung nicht durch Flucht entzogen hätte? Wäre er katholisch geworden und säße an der Schwelle zu seinem 50. Geburtstag, ganz dem inneren Erleben und dem Gebet hingegeben, in einer Zelle? Ein tiefer innerer Frieden würde auf seinem Gesicht liegen. Gewiss ist es keine Koketterie, wenn er in dem Bericht über die Tage in La Valsainte bemerkt:

»Die Kartäuser gestatten nur zwei Gruppen von Menschen den Zutritt, den Freunden des Hauses und den notorischen Sündern, wobei sich der Schreiber dieser Zeilen bei seinem Besuch durchaus zu den letzteren gezählt hat.« <<<

(Hervorhebungen von mir)

(vgl. Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie, TVZ Theologischer Verlag Zürich)

Mittwoch, 26. Juni 2013

Ein Privileg

>>> Die Kartäusermönche führen ein stilles Gebetsleben. In der Einsamkeit ihrer Einsiedlerhäuschen suchen sie die Einheit mit Gott, Tag und Nacht sind sie allein mit ihm. Das Essen wird ihnen einmal täglich von den Brüdern durch eine Luke gereicht. Dreimal treffen sie sich zum Gebet in der Kirche. Gegenseitige Besuche in den Zellen sind ebenso verboten wie das Gespräch. Geredet wird nur einmal in der Woche auf dem gemeinsamen dreieinhalbstündigen Spaziergang.

Für Nigg war das Privileg der Begegnung mit diesen Menschen, die ihr Leben in der Abgeschiedenheit ihrer Zellen verbrachten, wie ein Nachhausekommen.

»Je länger der Mönch in seiner Zelle lebt, umso inniger liebt er sie. Der Friede, den er in seinem Häuschen gefunden hat, läßt ihn das Alleinsein als einen Schutz seines inneren Lebens empfinden. Der Mensch hat ein heiliges Recht auf Einsamkeit, die nur im kollektiven Kolchosenbetrieb als Krankheit bewertet wird und in Wirklichkeit das höchste Wachsein der Seele bedeutet.« <<<

(Hervorhebungen von mir)

(vgl. Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie, TVZ Theologischer Verlag Zürich)

Dienstag, 25. Juni 2013

Erwartungen an die Kartäuser

Walter Niggs Buch „Große Heilige“ wurde in der katholischen Welt sehr bekannt und von vielen Ordensleuten gelesen, wie auch in vielen Kloster-Refektorien vorgelesen. Somit war er bald kein Unbekannter mehr, der er als evangelischer Theologe bis dahin bei den Katholiken stets gewesen ist. „Große Heilige“ wurde für ihn somit „zum Türöffner“ für Besuche bei Ordensleuten und in Klöstern; ja sie brachten ihm „in den sechziger und siebziger Jahren zahlreiche Einladungen zu Vorträgen vor Ordensangehörigen“. Denn man war gleichzeitig interessiert und fasziniert und hörte mit Skepsis von „Niggs Erwartungen an das Mönchtum“.

(Hervorhebungen von mir)


>>>Nigg hatte den heiligen Bruno, aus dessen Wirken der Kartäuserorden hervorging, noch nicht in den Chor seiner Heiligen erhoben. Nach dem Klosterbesuch sollte ihm ein besonderer Rang zukommen. In La Valsainte begleitete ein freundlicher Gastpater den Hagiographen. Wie der Dominikaner auf dem Umschlagbild legte sich Nigg später ein Schweigegebot auf und hat den Namen des Paters nicht genannt. Von seiner Gestalt gibt er nur das strahlende Leuchten seiner Augen preis. Er sah in ihnen den vollkommenen Ausdruck einer tiefen Erfahrung der Gottesfreude als Frucht eines jahrelangen Gebetes.

Der Zugang in Innere wurde gewährt, so dass Nigg nicht nur den Ort in allen Einzelheiten besichtigen, sondern auch am nächtlichen Chorgebet der Mönche teilnehmen konnte.<<<



(vgl. Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie, TVZ Theologischer Verlag Zürich)
 
 



„Der Dominikaner auf dem Umschlagbild“

Montag, 24. Juni 2013

Walter Nigg und die Kartäuser

Dr. Walter Nigg (1903-1988) war evangelischer Theologe, Pfarrer und Professor für Kirchengeschichte. Er schrieb u.a. Aufsätze und Bücher über Persönlichkeiten und Heilige. Viele seiner „Heiligen“-Bücher fanden auch in der katholischen Welt weite Verbreitung. Genannt seien nur die beiden Werke „Große Heilige“ (1946) und „Vom Geheimnis der Mönche“ (1953). Aus dem zuletzt genannten Buch habe ich bereits mehrfach kleine Abschnitte veröffentlicht.
SIEHE HIER

Der Begegnung Walter Niggs mit dem Mönchtum hat der Autor und Nigg-Biograph Uwe Wolff in einer groß angelegten Arbeit (Das Geheimnis ist mein "Walter Nigg, Eine Biographie) das Kapitel „Die große Stille: Mönche und Mystiker“ gewidmet. In dieser Nigg-Biographie berichtet er über Niggs Begegnung mit den Kartäusern in dem Unterkapitel „Ein Schlüsselerlebnis: Die Kartause La Valsainte“ (S. 372-377). - Daraus will ich in den nächsten Tagen einige Sätze veröffentlichen. 


Uwe Wolff, "Das Geheimnis ist mein", Walter Nigg - eine Biographie
Verlag: TVZ Theologischer Verlag Zürich;
1., Aufl. 2009, 516 Seiten, ca. 44 €
Uwe Wolff, Dr. theol, Jahrgang 1955, Studium der Theologie, der Pädagogik, der Mediävistik und der Philosophie, Schriftsteller und Publizist, seit 1987 freier Mitarbeiter für die NZZ, Rheinischer Merkur, Welt am Sonntag, Die Zeit u. a.


Montag, 17. Juni 2013

Einsamkeit und Nähe

Seine Einsamkeit ist gar keine Einsamkeit mehr, da er in seinem Schweigen die Nähe Gottes erlebt und sich nicht allein in seiner Zelle fühlt. Er spürt die Gegenwart Gottes in seinem intensiven Gebet, dem er beinahe ununterbrochen in der Klause obliegt. In nichts anderem als im Beten üben sich diese Mönche, das für sie eine ganz andere Realität ist als für den Ungläubigen, der darin nur ein dummes Selbstgespräch erblickt.

Fürwahr, diese Mönche können mit Gott reden und erleben denn auch nach jahrelanger Konzentration im Gebet eine starke und unaussprechliche Freude, die unverwechselbar mit allen Gefühlsergüssen ist.

Nur von diesem mystischen Hintergrund sind diese Männer des Gebetes überhaupt zu verstehen, und ohne diese erlebte Gottesfreude bliebe die ganze Einrichtung heller Wahnsinn.

Der Kartäuser kennt nu r das eine Ziel der unekstatischen Vereinigung mit Gott, dem alles unterstellt wird.

Walter Nigg (Bruno und die Kartäuser in Geheimnis der Mönche, Zürich 1953)



Sonntag, 16. Juni 2013

Keine Idylle

Das entbehrungsreiche Leben der weißen Mönche lässt keine idyllische Deutung der Kartause zu.

Schon die Rute, die noch heute als Symbol in einer Ecke des Kapitelsaals steht, spricht eine Sprache, die alle lieblichen Auffassungen vom Kartäuserleben i m Keime erstickt. Die immerwährende Einsamkeit, die Mönche selbst schon mit einem Grab verglichen haben, in das sie sich freiwillig hineinlegen, verursacht nach einiger Zeit oft schwere Seelenkrisen, denen nicht alle Menschen gewachsen sind.

Immer wieder gibt es Novizen, die um Entlassung bitten müssen, weil sie die Gleichförmigkeit dieser Lebensweise nicht mehr länger aushalten. Von dem die Schwierigkeiten überwindenden Kartäuser wird das einsame Dasein in seinem Häuschen jedoch als eine große Bevorzugung empfunden, lebt er doch des Glaubens, „unser Leben formt und gestaltet sich vollkommen um, sobald die göttliche Innewohnung, die Gegenwart Gottes in uns, sich vollauswirken kann, ohne dass wir ihm Widerstand entgegensetzen“ .

Walter Nigg (Bruno und die Kartäuser in Geheimnis der Mönche, Zürich 1953)




Samstag, 15. Juni 2013

Prostration

Wiederum scheint die Bestimmung von der Vermeidung aller melodiösen Ergötzung der Sinne rigoros zu sein, sie enthält aber die Bemühung, einem rein geistigen Gottesdienst möglichst nahezukommen.

Während des Chordienstes werfen sich die Kartäuser, auf ein Zeichen, plötzlich zu Boden. Sie sinken  im Gebet nicht in die Knie, sondern liegen flach auf der Erde, die Kapuze über den Kopf gezogen. Dieses unerwartete und schlagartige Niederwerfen des Körpers auf die bloße Erde wirkt erschütternd; man scheut sich, dieses Innerste ans Tageslicht zu zerren. Der auf dem Boden hingestreckte Mönch entspricht jedoch der Seinslage des Kartäusers, der nicht erhobenen Hauptes einherschreitet, sondern sich in demütigster Beugung buchstäblich vor Gott in den Staub wirft. Er erinnert an Jesu Gebetskampf im Garten von Gethsemane. Diese beständige und eindrucksvolle Bußgesinnung betätigt er auch in seiner einzigen Mahlzeit pro Tag und in vielem Fasten bei Wasser und Brot.

Walter Nigg (Bruno und die Kartäuser in Geheimnis der Mönche, Zürich 1953)



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