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Samstag, 18. Juli 2015

Annäherung an die Kartause La Valsainte (6/6)

Im Zentrum des Klosters liegt der Friedhof, umrahmt vom Kreuzgang. Der tägliche Blick auf die Gräber, Gebete und ein regelmäßiges Totenofficium machen das Sterben allgegenwärtig. Die einfachen schwarzen Holzkreuze auf dem gemähten Rasen sind ohne Namen. In der Konsequenz der Einfachheit des Lebens und Sterbens werden die Toten ohne Sarg beigesetzt. In ihrer weißen Kutte, die Kapuze über das Gesicht gezogen und am Kragen festgenäht, die Hände stecken in den weiten Ärmeln. Der dicke Stoff der Kutte wird auf ein Holzbrett genagelt, damit der Körper des Toten in gerader Form des Schlafenden in die Erde gelegt werden kann. Dann wird der Körper mit Erde bedeckt.

Mönche beim Chorgebet in der Kartause La Valsainte.

Sterben können ohne Schrecken? Daniel lächelt. „Warum nicht, dann bin ich doch am Ziel, bin bei ihm." Und blickt nach oben. Daniel ist der Inbegriff der Ausstrahlung von Nächstenliebe. Er ist 28 Jahre alt und seit sieben Jahren hier. „Früher habe ich in einer Rockband gespielt. So Beatles und Beach Boys. Heute bedeutet mir das nichts mehr. Gott hat mich gerufen. Ich bete für die Liebe in der Welt." Einmal im Jahr kommen seine Eltern. Obwohl beide sehr gläubig sind, hätten sie ihren Sohn doch lieber in einem anerkannten Beruf gesehen, als Lehrer oder Priester. Aber Mönch? Die Leute lächeln dann immer so eigenartig. „Meine Mutter weint jedesmal, wenn sie geht."

„Ihr Taxi", ruft der Prior. Ich habe den starken Wunsch, länger als drei Tage bleiben zu können. Gerade jetzt, wo die Ruhe anfängt zu wirken, der Kopf klar wird. Der Prior drückt zum Abschied kräftig meine Hand. „Ich hoffe, daß ich nicht gestört habe." Der Klausner lächelt und antwortet freundlich: „Doch, sie haben. Sehr sogar!"

(Text: Hans-Dieter Zinn, iwz-Stuttgart, 1986)


Freitag, 17. Juli 2015

Annäherung an die Kartause La Valsainte (5/6)

Warum wird man Mönch und dann ausgerechnet Kartäuser? „Nichts mehr wollen, nichts mehr wissen, nichts mehr besitzen, außer Gott, das ist das wahre Leben." So die Devise. Raffael ist 36 Jahre alt. Seit vier Jahren ist er hier, vorher war er neun Jahre bei den Franziskanern. „Die ersten zwei Jahre waren Leiden und schwere Einsamkeit. Nach und nach verspürte ich die Nähe zu Gott immer tiefer. Jetzt weiß ich, daß es Gottes Bestimmung war, an diesem Platz zu bleiben."

Die Antwort von Christoph auf meine Frage, warum er Kartäuser ist, geht ein wenig weiter: „Meine Sehnsucht nach Freiheit erfüllt sich hier." Ob er Freiheit vom gewöhnlichen Alltag meint?


Brudermönch verteilt das Mittagessen. La Valsainte.
Kartäuser leben „alternativ". Doch nicht wegen irgendwelcher Zeitströmungen, sondern aus ihrer traditionellen Ordensregel heraus. Die Speisen sind einfach und bekömmlich. Fleisch und Wurst gibt es nie. Fast alles ist selbst gemacht: Das Brot und der Most, die Butter und der Käse; Salate, Gemüse, Kräuter stammen aus dem Garten, Wasser aus den Bergen, Milch, Honig, Weizen aus Feld und Flur. Die täglichen Mahlzeiten verzehrt jeder für sich allein in der Zelle. Sie werden durch einen Schalter neben der Tür gereicht, ohne Blick- und Wortkontakt. Nur an Sonn- und Feiertagen wird gemeinsam gegessen. Schweigend.

Der große Speisesaal liegt neben dem kleinen Kreuzgang (Galilaea minor), der den Eremitentrakt mit den Gemeinschaftsräumen und den Zellen der Laienmönche verbindet. In der Mitte liegt die Kirche. Vom kleinen Kreuzgang gelangt manzu dem großen, von dem aus die Enklaven der Einsiedler erreicht werden. Neben jeder Enklave befinden sich eine Ziehglocke und der Essensschalter. Im Innern gelangt man über einen kurzen Wandelgang in einen Vorraum, erst dann in das Wohngemach der Mönche. Grobe Holzdielen, kahle Wände, vielleicht mal ein kleines Bildnis eines Heiligen oder die Kopie einer Ikone. Spartanisch einfach die Einrichtung. Ein grober Holztisch, fast unbearbeitet, Gebets- und Meditationsnische mit Kniepult und Sitz, das alkovenartige Bett, einfache Wascheinrichtung, ein Bücherregal, der eiserne Holzofen.

Das Holz für den Ofen sägen und hacken die Eremiten selbst in einer unter dem Wohnraum liegenden Werkstatt. Von hier gelangt man in den kleinen Garten, der zu jeder Zelle gehört. Gärtnern dient der Entspannung des Geistes, auch das Arbeiten in der Werkstatt. Umgeben ist das Grundstück von einer fünf Meter hohen Mauer - Garantie für völlige Einsamkeit. Nur einmal die Woche wird sie aufgehoben: sonntags, beim gemeinsamen Spaziergang. Dann dürfen die Mönche auch miteinander reden.

Für Schlaf bleibt selten mehr als fünf Stunden Zeit. Das Leben ist geordnet im festen Rhythmus der Ordensregel. Bruder Rene empfindet das nicht als Zwang. „Innerhalb der Regel findest du deine Zeit, ohne hinter ihr herzulaufen." Doch all diese Vorschriften? „Hast du denn keine? Das fällt hier nur so auf, weil wir sie einhalten. Zähl mal die Vorschriften, die dein Leben regeln!" Er hat recht. Vielleicht merken wir die Regeln nicht so, weil wir meist versuchen, sie zu umgehen. Rene schmunzelt: „Ich muß jetzt zum Kahlschlag." Auch das gehört zur Absage an die Eitelkeit. Einmal im Monat wird allen der Kopf geschoren. Nur Barte dürfen wachsen, von ihnen steht nichts in der Regel.

(Text: Hans-Dieter Zinn, iwz-Stuttgart, 1986)

Donnerstag, 16. Juli 2015

Annäherung an die Kartause La Valsainte (4/6)

Bei den Kartäusern scheint der Wandel der Zeit spurlos vorübergegangen: Bis heute besteht eine Kartause aus zwei Abteilungen, dem Kloster der Laienbrüder und den Enklaven der Einsiedlermönche. Während die Laienbrüder für die Bewirtschaftung der Anlage und die Versorgung der Eremiten zuständig sind, leben letztere ganz der Kontemplation und dem Studium, der willigen Versenkung in Gottes Wort, der Gottsuche.

Die Laienbrüder haben ebenfalls Mönchsstatus, sind mit den Eremiten gleichberechtigt. Sie haben aber nie studiert und arbeiten als Handwerker, Bauern, Gärtner. Sie kochen und backen, säen und ernten, waschen und putzen, keltern und zimmern, schmieden und nähen. Die Kartause lebt in größtmöglicher Autonomie und hält Distanz zur „Außenwelt". Selbst der elektrische Strom wird in einem kleinen Kraftwerk mit dem Wasser aus den Bergen produziert.

Bruder Jakobus ist 82 Jahre alt. Er bäckt zweimal wöchentlich das Brot und bestellt den Kräutergarten. „Ich gehöre zu den Geheimnisträgern unseres berühmten Kräuterlikörs. Über  130 Kräuter werden verarbeitet. Nur zwei Leute kennen das Rezept. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben. Ein Schluck täglich ist die beste Medizin." So sieht er auch aus, mit seinen roten Pausbacken und den lustigen Augen. Dreißig Jahre produzierte er den Likör in der „Grande Chartreuse", dem Gründungsort und Hauptkloster des Ordens mit Verwaltung und großer Bibliothek. Mehr als 180 Mönche leben dort. Dagegen ist La Valsainte mit seinen achtzehn Klausnern und zweiundzwanzig Laienbrüdern recht klein.

In einer Werkstatt. La Valsainte.
Es könnten mehr Mönche sein, denn in „La Valsainte" stehen achtzehn Enklaven zur Zeit leer. Jährlich kommen nur zwei oder drei neue Anwärter, von denen aber höchstens einer bleibt. Wer gesund ist, einen Beruf hat oder das Abitur, mindestens  achtzehn Jahre alt undkatholisch ist, kann kommen. Doch für „Einsiedlerromantik" ist kein Platz. Die Radikalität der Entsagung und Einsamkeit läßt nur den „Berufenen" die Probezeit überstehen. „Wir hatten mehrere Jahre keine Neuzugänge",  bedauert der Prior,„doch in der letzten Zeit haben wir wieder Interessenten." Trotzdem nimmt die Anzahl der Eremitenmönche nicht zu, weil der Tod auch bei ihnen nicht vor der Pforte bleibt. Von den Einsiedlern sind mehr als die Hälfte über sechzig Jahre alt. Bruder Ignatius aus Düsseldorf ist der Älteste: 89 Jahre und seit 65 Jahren im Orden.

(Text: Hans-Dieter Zinn, iwz-Stuttgart, 1986)


Mittwoch, 15. Juli 2015

Annäherung an die Kartause La Valsainte (3/6)

„Nichts außer Gott" ist das Lebensziel. Dieses bedingungslose Streben war es auch, das vor neunhundert Jahren Bruno von Hartefaust, ein Theologe aus Köln, den beschwerlichen Aufstieg in die Alpen bei Grenoble unternehmen ließ. Er war einer der zahlreichen „Aussteiger", welche im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und sozialen Instabilität des 11. Jahrhunderts nach „alternativen" Lebensweisen suchten. Er beendete seine steile Karriere als Scholaster (heute Professor) und bischöflicher Kanzler, weil ihn die Intrigen und Skrupellosigkeit bei Hof und bei den Vorgesetzten zermürbten. Selbst ein Angebot, die mächtige Position eines Erzbischofs zu übernehmen, schlug er aus. Bruno fand in dem Alpenort Chartreuse die Abgeschiedenheit, um sich auf Gott zu besinnen. Der Ortsname Chartreuse (Kartause) wurde dann zur gültigen Bezeichnung für alle Klöster, in denen die Mönche ein eremitenähnliches Dasein führen.

Nur über die Pfade der Alpenhirten waren die Kartäuser erreichbar. Bruno lebte mit vier Brüdern völlig isoliert. Sie wohnten zu zweit oder allein in Hütten. Zwei Laien besorgten die anfallenden Arbeiten. Dieser Anfang lieferte das Modell für alle späteren Gründungen von Kartausen.

In der Bibliothek der Kartause La Valsainte
Immerhin gab es gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Blütezeit mit 295 Häusern in verschiedenen Ländern. Doch waren hier selten mehr als 25 Mönche unter einem Dach, im Gegensatz zu späteren Abteien, wo zwischen dreißig und einhundertachtzig Brüder leben. Heute gibt es noch 21 Kartausen in Europa, davon nur eine in Deutschland, das Kloster Marienau bei Bad Wurzach im Allgäu. Hinzu kommen sechs Frauenklöster in Frankreich, Italien und Spanien. Und auch in Brasilien gibt es seit kurzem eine Kartause.

(Text: Hans-Dieter Zinn, iwz-Stuttgart, 1986)


Dienstag, 14. Juli 2015

Annäherung an die Kartause La Valsainte (2/6)

Später am Abend der erste Gang durch die weitläufigen Anlagen des Klosters. Im Dunkeln ähnelt es einem Labyrinth aus Torbögen, Häusern, Gärten, Werkstätten. Es ist eingebettet in einem Talkessel, knapp tausend Meter über dem Meer. Rundherum die Gipfel der Zweitausender: ruhig und bizarr heben sie sich gegen den Nachthimmel ab, bilden einen natürlichen Schutz gegen die Indiskretion der Welt. Über mir nur der Sternenhimmel. Die fast fünf Meter hohen Klostermauern halten den kühlen Wind ein wenig ab. „Über allen Gipfeln ist Ruh", denke ich.

Die Mönche im Kreuzgang. La Valsainte.
Plötzlich Glockengeläut von der Kirche. Ein heller, eifriger Klang. Es ist eine Stunde vor Mitternacht. Jetzt werden die Mönche noch einmal zwei Stunden mit dem Singen der biblischen Psalmen verbringen. Nach dem ersten Glockenzeichen betreten die Brüder nacheinander die Kirche, übernehmen einer vom anderen das Glockenseil. Erst wenn der letzte den kargen und schmucklosen Kirchenraum betreten hat, verstummt das Geläut.

Die Mönche beten und singen halb stehend, halb sitzend, die Arme auf den breiten Lehnen des Chorgestühls. Ihr Gesang ist monoton und wirkt nach einiger Zeit beinahe meditativ. Die seit Jahrhunderten unveränderten Melodien klingen spröde. Sie unterliegen keinem Wandel des kirchenmusikalischen Geschmacks. Vor sich haben die Klosterbrüder überdimensionale Bücher liegen, Folianten, die kunstvoll geschrieben und verziert sind, der Text traditionsgemäß in Latein.

Um Mitternacht gehen alle Lichter aus. Nur das „ewige Licht" flackert in die Dunkelheit. Der Akt tiefster Demut, die „Prostratio" ist der Höhepunkt der Messe. Dabei legen sich die Mönche flach auf den Boden und verharren fast zehn Minuten in stillem Gebet.

Die Liturgie der Kartäuser ist schlicht. Es gibt keine Orgel, Flöte oder Gitarre. Allein der Gesang bildet den Rhythmus zur inneren Einkehr. Alle „mechanische" Musik gilt als zu weltlich. So gibt es auch in den Mönchszellen kein Radio und keinen Plattenspieler. Auch Fernsehen und sogar Zeitungen sind verpönt.

(Text: Hans-Dieter Zinn, iwz-Stuttgart, 1986)


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