Donnerstag, 16. Juli 2015

Annäherung an die Kartause La Valsainte (4/6)

Bei den Kartäusern scheint der Wandel der Zeit spurlos vorübergegangen: Bis heute besteht eine Kartause aus zwei Abteilungen, dem Kloster der Laienbrüder und den Enklaven der Einsiedlermönche. Während die Laienbrüder für die Bewirtschaftung der Anlage und die Versorgung der Eremiten zuständig sind, leben letztere ganz der Kontemplation und dem Studium, der willigen Versenkung in Gottes Wort, der Gottsuche.

Die Laienbrüder haben ebenfalls Mönchsstatus, sind mit den Eremiten gleichberechtigt. Sie haben aber nie studiert und arbeiten als Handwerker, Bauern, Gärtner. Sie kochen und backen, säen und ernten, waschen und putzen, keltern und zimmern, schmieden und nähen. Die Kartause lebt in größtmöglicher Autonomie und hält Distanz zur „Außenwelt". Selbst der elektrische Strom wird in einem kleinen Kraftwerk mit dem Wasser aus den Bergen produziert.

Bruder Jakobus ist 82 Jahre alt. Er bäckt zweimal wöchentlich das Brot und bestellt den Kräutergarten. „Ich gehöre zu den Geheimnisträgern unseres berühmten Kräuterlikörs. Über  130 Kräuter werden verarbeitet. Nur zwei Leute kennen das Rezept. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben. Ein Schluck täglich ist die beste Medizin." So sieht er auch aus, mit seinen roten Pausbacken und den lustigen Augen. Dreißig Jahre produzierte er den Likör in der „Grande Chartreuse", dem Gründungsort und Hauptkloster des Ordens mit Verwaltung und großer Bibliothek. Mehr als 180 Mönche leben dort. Dagegen ist La Valsainte mit seinen achtzehn Klausnern und zweiundzwanzig Laienbrüdern recht klein.

In einer Werkstatt. La Valsainte.
Es könnten mehr Mönche sein, denn in „La Valsainte" stehen achtzehn Enklaven zur Zeit leer. Jährlich kommen nur zwei oder drei neue Anwärter, von denen aber höchstens einer bleibt. Wer gesund ist, einen Beruf hat oder das Abitur, mindestens  achtzehn Jahre alt undkatholisch ist, kann kommen. Doch für „Einsiedlerromantik" ist kein Platz. Die Radikalität der Entsagung und Einsamkeit läßt nur den „Berufenen" die Probezeit überstehen. „Wir hatten mehrere Jahre keine Neuzugänge",  bedauert der Prior,„doch in der letzten Zeit haben wir wieder Interessenten." Trotzdem nimmt die Anzahl der Eremitenmönche nicht zu, weil der Tod auch bei ihnen nicht vor der Pforte bleibt. Von den Einsiedlern sind mehr als die Hälfte über sechzig Jahre alt. Bruder Ignatius aus Düsseldorf ist der Älteste: 89 Jahre und seit 65 Jahren im Orden.

(Text: Hans-Dieter Zinn, iwz-Stuttgart, 1986)


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