Donnerstag, 25. Oktober 2012

Eiskalt und uralt (Sélignac, 11 von 12)

Als der Prior mit geballter Faust wieder auf das Pult klopft, staune ich, dass die zwei Stunden schon vorüber sind. Die Dunkelheit draußen ist jetzt vertrauter, fortgeschrittener, man hat mit ihr gewacht. Im Innenhof empfinde ich erstmals eine tiefe Dankbarkeit. Keine größere Nacht in meinem Leben, ich will nicht mehr sagen. Auf der Wand des Innenhofes die überlebensgroßen Kapuzenköpfe der beiden Brüder hinter mir. Nie habe ich sie, die das große Zellengebäude mit mir teilen, zu Gesicht bekommen. Doch werde ich sie immer so in Erinnerung behalten: zwei Schatten nach dem Nachtoffizium der Kartäuser. Sterne über Sélignac, Kosmisches Einverständnis. Eiseskälte, inzwischen minus 25 Grad. Ihr schweres Schuhwerk auf den Steingängen. Gänsehaut, wie nach einer Vision.


Das Wecken, kurz vor sechs, ist grausam, die Kälte erschreckender denn je, draußen noch immer tiefste Nacht, Schreie von Raubvögeln weit oben in den unsichtbaren Schneefelsen. In der Kirche beginnt nach der Laudes die Eucharistie. Gleich fällt auf, dass sie sich ihre uralten Ritustraditionen bewahrt haben, die das Spärliche, Ausgewischte mit der Langsamkeit verbinden. Es zählt nur die dramatische Intensität der sakralen Handlung, des heiligen Spiels. Die in Kreuzesform weit ausgebreiteten Arme des Priesters beim Hochgebet. Das mysteriöse Zusammenspiel von Kampf und Kontemplation. Mose, der Einsame auf dem Berg, lies die Arme nicht sinken, während Josua in der Ebene, bei wechselndem Kriegsglück, mit den Amalekitern kämpfte. Abendmahl und Abschiedsszene, Brotbrechen, Weintrinken, Danksagen im Schatten tödlichen Verrats. Mehr als eine Stunde dauert an diesem Wochentag die Messe, aber hier ist nichts beiläufig, nichts Routine. Nur heiliger Ernst, dem sich niemand entziehen kann.

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

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