Samstag, 20. Oktober 2012

Zeit auf den Kopf gestellt (Sélignac, 6 von 12)

Die Winternachmittage in der Kartause sind von einer sonderbaren Kürze. Der Glockenturm zerhackt sie wie Brennholz in kleine Teile, von der jedes sein Recht fordert. Jede Viertelstunde schlägt an und signalisiert den Beginn des kleinen Marienoffiziums „de beata", das jeder Mönch allein in der Zelle rezitiert. Das sind einsame, lautlose Ouvertüren der eigentlichen Stundengebete. Die Vesper, ursprünglich die Zeit „des Kerzenanzündens", findet bereits um 15 Uhr statt. Danach bricht schon das Licht, vor allem an Nebeltagen, die im Februar in Sélignac kein Ende nehmen. Rings um das Kloster mit seinen Einsiedlerhäuschen am großen Kreuzgang: Felsen, Tannen, Schnee. Manchmal fühle ich mich im Nebel wie in einem Loch, wie in einer Falle, doch dann muss ich mich belehren lassen, Nebeltage seien wie die Seelen der Kartäuser, verborgen in einem langen, illusionslosen Kampf. An solchen Tagen beginnt kurz nach vier Uhr nachmittags schon die Nacht.


Die Zeit ist „ver-rückt", buchstäblich auf den Kopf gestellt. Gegen 19 Uhr legen sie sich zum Schlafen. Um viertel vor elf beginnt in der Zelle die Marienmette. Um halb zwölf läutet es zur Matutin in der Kirche, dem zweistündigen Nachtoffizium. Um 6 Uhr in der Frühe ist zweites Aufstehen, um viertel nach sieben Messfeier. Auch werden stille Messen gelesen. Bald wechseln Studium, Arbeit und Stundengebete einander ab. Dreimal erfolgt der Angelus. Auch beten sie das Totenoffizium. Wie viele Glockenschläge am Tag, zur Nacht? Der Mönch, der Eremit, im Räderwerk organisierter Stille. Zeit, sickernd, stürzend wie in der Eieruhr. Es sei denn, sie schaffen im Nebel Durchbrüche, hinaus aus der Zeit, aus dem Nebel der Welt. Wie viele Glockenschläge, bis solch ein Leben die Ränder des Lichts erspürt?

(Ausschnitte: Sterne über Sélignac, Freddy Derwahl, Eremiten Die Abenteuer der Einsamkeit, Pattloch 2000)

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