Freitag, 5. Oktober 2012

In meiner Kinderzeit

… erfuhr ich von der Wüste als einem schrecklichen Ort. Dort wuchs nichts, kein Baum, kein Strauch, es gab kein Wasser zu trinken. In der Wüste war eisige Kälte oder glühende Hitze, weit und breit keine Menschenorte. Die Wüste – sie zu besuchen, mehr noch: in ihr zu leben, war nicht erstrebenswert. Wüste war unendliche Einsamkeit.


Erst später lernte ich, dass dies nicht der ganze Blick auf die Wüste war. Es gibt auch die Schönheit der Wüste, ihre sich ständig verändernden Landschaftsbilder; Oasen die Leben spenden, Menschenfreundlichkeit der Wüstenbewohner. Und vor allem: Wüste ist nicht nur die Sahara; sie ist geringe Vegetation, lebensunfreundliche Landschaft. In der Wüste ist Leben auf Dauer nicht möglich ohne äußere Hilfe. 

Wüste - ein Begriff im geistlichen Leben.
So, wie Jesus in die Wüste geführt  wurde, werden auch Menschen in die Wüste geführt. Man spricht dabei manchmal von Wüstenerfahrung und Neuanfang. Damit meint man vielleicht, dass aus der Wüste fruchtbares Land werden könnte. Aber allzu oft sind solche Überlegungen lieblich für das eigene Ego aber doch auch sehr flach. Sozialpsychologische Gemeinplätze werden bedient und es wird abgelenkt von der Härte dessen, was Wüste als lebensfeindlicher Ort ist. Ist die „Wüste“ also überall? Gibt es „Wüsten-Erfahrungen“?

Zwei Beispiele:

1. Ein Gedicht von Guido Groß (aus einem Heft der Salvatorianerinnen):

„Schick uns in die Wüste
nimm hinweg was ablenkt und zerstreut.
Schick uns in die Wüste
wo wir sehen die Abgründe an Herzenskälte
Schick uns in die Wüste
aber lass uns nicht allein wenn wir erschrecken
und traurig werden über uns selbst.
Sei bei uns Liebender
damit wir erkennen was uns wieder
näher bringt zu Dir.“


2. Das romantisch-realistische Bild, was Wüste ist, beschreibt „Van der Meer de Walcheren“,  beim Eintreffen vom heiligen Bruno und seinen Gefährten in die „Wüste der Chartreuse“:

„Sein Fortgehen in die schweigende Alpenwüste der Dauphine, sein Hineintreten in diese Einsamkeit ist das kühnste Unternehmen seines tatenreichen Lebens. Man stelle sich die Verlassenheit dieses unwirtlichen Gebildes vor, mit seinen nie betretenen, dunklen Tannenwäldern, seinen Abgründen und steilen Felswänden, dem nie aufhörenden Rauschen der stürzenden Bergbäche- und das alles im 11. Jahrhundert, als es weder Straßen, Bergsport, Reiseagenturen oder Fremdenverkehrsvereine gab.“


Wüsten sind scheinbar Gott-verlassene-Orte, die wir auch heute allenthalben vorfinden. Es sind z. B. die Wüsten von Häuserblocks und Straßenschluchten, in denen die Einsamkeit der Stadt die Menschen gefangen nimmt. Sie entrinnen dieser Gefangenschaft und geben sich den vielfältigen Angeboten der Städte hin. Weltliches Vergnügen lenkt sie von sich ab und führt sie, die häufig auch Suchende sind, in noch größere Einsamkeit und weitere Abhängigkeiten. Selbstzweifel, Verlassenheit und Ängste werden folglich immer größer. Tödliche archaische Süchte nagen am Menschen und versuchen ihn zu vernichten.

Der heilige Bruno erkannte das. Wie Jeremias und Johannes der Täufer entfloh er dem Andrang der Menschen wie einer Gefahr und erkor die unbewohnte Wüste „zum sicheren Zufluchtsort; und solange er einsam in der Wüste lebte, blieben Gefahren und Tod ihm unbekannt.“. Wie Christus, der für uns gelitten hat und uns sein Beispiel gab, damit wir seinen Fußspuren folgen, sollen wir auch „die Mühsale und Ängste dieses Lebens auf uns nehmen, die Armut in der Freiheit der Kinder Gottes bejahen und dem Eigenwillen entsagen. Überdies sollen wir [ … ] Christus bei seinem Fasten in der Wüste folgen, indem wir den Leib züchtigen und gefügig machen, damit das Herz in Sehnsucht nach Gott erglüht.“ Das eigene Leben muss durch ein „demütiges Opfer des Lebenswandels in der Wüste, in Christus hineingenommen“ werden. (Kartäuser-Statuten, Kap. 2, 7, 21).

Sein Leben in der Wüste ändern –
damit das Herz in Sehnsucht nach Gott erglüht.




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