Samstag, 5. Dezember 2015

Lauf der Frömmigkeit

IL208-Z.22.5

Unter dieser Einwirkung Gottes, die sich nacheinander in verschiedener Weise betätigt, steigt die Seele die fünf Stufen der Frömmigkeit empor. 
Die Tröstungen kommen bei Beginn des geistlichen Lebens vor und entsprechen ziemlich gewöhnlich den zwei Stufen der Meidung der Sünden.
Die Erleuchtungen begleiten oft die dritte Stufe, die der Vollkommenheit. Das große Verlangen und die Tatkraft werden auf der vierten verliehen.
Die übrige Tätigkeit beginnt manchmal auf der vierten Stufe, aber sie vollzieht sich zum größten Teil nur auf der fünften Stufe.

Es ist gut, den Lauf der Frömmigkeit bis auf seine höchste Höhe zu betrachten. Ich begreife dann ein wenig von dem, was die Heiligen sind; ich sehe besser, welche Entfernung mich von ihnen trennt, und ich fasse Mut, jenes nahrhafte Brot der Entsagung zu essen, das mir die Kraft geben muss, in ihrer Nachfolge bis zum Berg Gottes zu gelangen (1 Kön 19,7-8).

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151205)



Freitag, 4. Dezember 2015

Keine Regung der Natur

IL208-Z.22.4b

Das Werk der Vernichtung schreitet noch weiter vor. Gott nimmt der Seele die aktive Tugend, ich will sagen, jene Leichtigkeit zu handeln, die sie während der früheren Stürme bewahrt hat. In diesem Augenblick besteht eine vollständige Unfähigkeit, zu handeln. Die Seele kann nur noch eines, leiden.

Diese Kraft zu leiden oder die passive Tugend, wird ihr auch noch genommen. Die arme, vernichtete, unter den Schlägen  zusammengebrochene Seele hat nicht einmal mehr die Kraft, sie zu dulden, sie hinzunehmen, sie hat nicht mehr die Energie, zu dulden. Sie ist zu nichts, absolut zu nichts imstande. Alles ist ihr genommen, alles ist zerstört, alles ist vernichtet. Es bleibt ihr keine menschliche Regung mehr, kein rein natürliches Leben, das ist der mystische Tod. Alles ist vollbracht.

In diesem Augenblick ist jedes Hindernis für den vollen Eintritt Gottes verschwunden. Er tritt ein und nimmt von dieser Seele durch die mystische Vermählung, die den Stand der Einigung verwirklicht, Besitz.

In diesem Stand wird die Seele nur mehr von Gott in Bewegung gesetzt. Keine Regung der Natur gibt es in ihr, um von sich aus einen bestimmenden Einfluss auf ihre Tätigkeit auszuüben. Sie ist ganz und gar durch den Willen Gottes bestimmt, der einzig über ihre Kräfte herrscht und sie regiert. Gott verrichtet in ihr all ihre Werke (Jes 26,12). Ihre Kräfte sind vollkommen von der Tyrannei der Geschöpfe und von der Tyrannei ihrer eigenen Selbständigkeit losgelöst, sie sind jetzt vollständig frei, einzig regiert vom Willen Gottes.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151204)


Donnerstag, 3. Dezember 2015

ER verwüstet den Verstand

IL208-Z.22.4a

Durch die vorausgehenden Geschenke hat Gott nacheinander auf die Sinnlichkeit, den Verstand und den Willen eingewirkt. Er hat sie von den Geschöpfen losgelöst und sie an sich gefesselt. Er geht jetzt daran, diese Kräfte zu schütteln und zu rütteln, um die Festigkeit seiner Arbeit zu prüfen, und er nimmt seine Arbeit wieder auf, um sie ganz zu vollenden.

Diese Kräfte sind zwar von den Geschöpfen, aber sie sind noch nicht von sich selbst losgelöst. Gott macht sich an diese Arbeit. Er beginnt den niederen Teil durch schreckliche Versuchungen der Unreinheit, des Zornes und dergleichen zu erregen. Alles ist in Leidenschaften verwirrt.

Hernach macht Gott einen Schritt weiter. Er verwüstet den Verstand und Willen durch Erregung von Finsternis, innerliche Zerwürfnis und Niedergeschlagenheit. Nirgends ist mehr Friede.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151203)



Mittwoch, 2. Dezember 2015

Den Willen für Gott erobern

IL208-Z.22.3b

Auf die Finsternisse, die die Erleuchtungen zerstört haben, folgt großes Verlangen, brennender Feuereifer. Sie haben die Aufgabe, den Willen für Gott zu erobern. Die Seele wird unter ihrem Einfluss vom Eifer verzehrt, Gott zu verherrlichen, sie fasst unendliche Pläne zur Rettung der Seelen und zur Ausbreitung der Kirche. Ist seine Arbeit beendet, so wird dieser Feuereifer vernichtet in Unlust und im Gefühl gänzlicher Ohnmacht.

Wenn diese neue Entäußerung beendet ist, verleiht Gott der Seele eine große Kraft, zu handeln, eine große Tatkraft, das zu tun, was sie vorher verlangt hatte. Aber die Seele könnte noch in dieser Tatkraft ihr Wohlgefallen finden, sich dabei aufhalten, dabei haften bleiben; das ist eine Gefahr. Ohne sie ihr zu nehmen, wird ihr Gott die Freude daran nehmen. Die Seele wird keinen Genuss bei ihrer Tätigkeit haben, weil sie keine Wärme und keinen Frieden hat. Gott lässt sie dann neue Entäußerungen durchmachen.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151202)



Dienstag, 1. Dezember 2015

Trockenheit löst von Anhänglichkeiten

IL208-Z.22.3a

Die ersten Geschenke, mit denen Gott seine Wirksamkeit in der Seele zu beginnen pflegt, sind gewöhnlich die Tröstungen. Sie haben die Aufgabe, den niederen Teil der Seele zu erobern, den Teil, der mit den Sinnen in Verbindung steht. Diesen sollen sie von den Geschöpfen loslösen und mit Gott verbinden. Ist nun dies erreicht, so verschwinden die Tröstungen, damit die Seele sich nicht bei ihnen aufhalte, denn sie sind nicht Gott. Wenn die Seele sich bei ihnen aufhält, hemmt sie jede Arbeit des göttlichen Lebens. Die Trockenheit kommt und vernichtet jenes erste Geschenk Gottes.

Wenn die Trockenheit ihre Aufgabe erfüllt hat, das heißt, wenn sie die Seele ausreichend von jeder Anhänglichkeit an die Tröstungen losgelöst hat, schickt Gott ein höheres Geschenk, nämlich Erleuchtungen, die die Aufgabe haben, den Verstand zu erobern, ihn loszulösen vom Blick
auf das Geschöpf, und seine Blicke auf Gott hinzulenken. Die Seele erhält dann sehr tiefe Einblicke in die Geheimnisse des Glaubens. Wenn sie den Blick ihres Verstandes stark im Glauben gefestigt und von den Geschöpfen abgelenkt hat, werden die Erleuchtungen vernichtet und es kommen die Finsternisse als eine neue Entäußerung.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20151201)



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