Donnerstag, 7. Mai 2015

Das Maß meiner Liebe

IL091-Z.8.3

Was meinen Willen betrifft, wird er durch die Erkenntnis bestimmt, gemäß dem alten philosophischen Denkspruch: Wer nicht erkennt, will nicht. Aber der Wille wird nicht mit Gewalt bestimmt, denn ich kann sehen und doch nicht wollen. Es gibt also auch für meinen Willen eine Pflicht.

Der Wille schätzt, hält wert, liebt. Ich muss also mit meinem Willen die Ehre Gottes als mein einziges wesentliches Gut schätzen, werthalten und lieben, ich darf nichts mehr lieben als sie, nichts, was gegen sie ist, nichts, was außer ihr ist. Ich muss fühlen, dass in ihr mein Alles ist, und dass ohne sie alles für mich nichts ist. Ich muss in den Geschöpfen vor allem das schätzen, werthalten und lieben, was in ihnen wesentlich ist, das heißt das Mittel, mein Alles zu erlangen. Das muss ich vor allem in ihnen lieben und schätzen. Ich darf sie nicht lieben um ihrer selbst willen, nicht meinetwillen, sondern vor allem um Gottes willen. Das Maß meiner Liebe, die Ursache, warum ich eines dem andern vorziehe, muss sich genau danach richten, wie sie mir zur Verherrlichung Gottes dienlich sind. Wenn mein Wille vor allem sein Augenmerk auf das richtet, was mich in den Geschöpfen zu Gott führt, dann ist er voll und ganz in seiner Pflicht; wenn ich aber im Geschöpf einzig das liebe, was mir dient, was zu meiner Befriedigung gereicht, verkehre ich meine Neigungen, und ich komme auf Abwege in meinen eigenen Gelüsten und in der Verkehrtheit meines bösen Herzens.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20150507



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