Dienstag, 18. Januar 2011

Paul Badde besucht die Kartause Marienau, 1


Paul Badde, Journalist und Vatikan-Korrespondent der "Welt" sowie Mitherausgeber des  Vatican-Magazin,  berichtet in der jüngsten Ausgabe (Januar 2011) von seinem Besuch in  Marienau, dem einzigen Kartäuserkloster in Deutschland.


Das strenge Glück

Krokusse strecken sich neben einer schattigen Schneepartie des Gartens der Sonne entgegen, Vögel zwitschern in jedem Strauch. Eine Kröte hat sich an diesem ersten Frühlingstag in den kalten Kreuzgang der Kartause verirrt, wie wir, und bläst in einem Winkel des Flurs verängstigt die Backen auf. Hierhin kommt normalerweise kein Fremder. Keinem Manager wird erlaubt, in dieser Stille seine "Seele baumeln" zu lassen. Kartäuser bieten ihr "strenges Glück", wie Goethe es genannt hätte, auf keinem Marktplatz an.
Doch auch für normale Mitchristen gibt es bei ihnen weder Exerzitien oder Besichtigungen, noch lassen sich die Priestermönche überreden, im nächsten Dorf in der Seelsorge auszuhelfen. "Wir haben eine andere Aufgabe", sagt ihr Prior, "stellvertretend für die vielen, die keine Zeit mehr haben für den lebendigen Gott, stehen wir vor ihm für sie alle ein. Unsere Seelsorge ist also weltweit!" Dafür leben sie in bedingungsloser Hingabe, radikal zurückgezogen.

Georg Gänswein wollte Kartäuser werden, bevor der Sekretär des Papstes in einer der unwägbaren Weichenstellungen des Lebens in den Apostolischen Palast hinauf befördert wurde, wo er nun allerdings ebenso wenig Herr seiner Stunden ist wie ein Kartäuser - die ihre Minuten und Sekunden bei Tag und bei Nacht auf den Rhythmus des Paradieses hin verweben. Auf Fernsehen, Radio und Internet verzichten sie dafür komplett. Die Festplatte ihrer Erinnerung und Vernetzung mit der Welt besteht immer noch in einer großen Bibliothek. Nacht für Nacht stehen sie um Mitternacht auf für den ersten Lobgesang. Früh am Morgen kommen sie zur Eucharistiefeier in die Klosterkirche zusammen und am Nachmittag zur Vesper. Den Rest der Zeit beten, betrachten, lesen, studieren sie für sich allein - in strengem Ausgleich mit Handarbeiten in ihrer Werkstatt oder dem Garten.


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