Dienstag, 11. Juni 2013

Die Nacht bedarf der Überwindung

Dreimal innerhalb vierundzwanzig Stunden verlässt der Kartäuser seine Zelle, um sich schweigend in die Klosterkirche zu begeben, in der bezeichnenderweise die Kanzel fehlt.

Jede Nacht unterbricht der Mönch um elf Uhr den Schlaf, geht mit einer kleinen Laterne durch den langen Kreuzgang und singt im Chorstuhl bis gegen zwei Uhr morgens das Gotteslob. Diese sich Nacht für Nacht wiederholende Erhebung vom Lager ist immer wieder eine Überwindung.

Es braucht stets aufs neue Kraft, der gottesdienstlichen Verpflichtung nachzukommen, und ist für all jene Menschen undurchführbar, die so gerne mit den Sprüchen Salomos sagen: „Noch ein bisschen schlafen, ein bisschen schlummern, ein bisschen die Hände ineinanderlegen i m Bett“ (6,10). Einzig der Gesang in der Kirche unterbricht die schweigende Stille im Kloster.

Walter Nigg (Bruno und die Kartäuser in Geheimnis der Mönche, Zürich 1953)




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