Montag, 18. Februar 2013

Der gespannte Bogen


Johannes Cassian erzählt (Unterredungen):

„Man sagt, der heilige Evangelist Johannes habe einst, als er ein Rebhuhn sanft mit den Händen streichelte, plötzlich Einen erblickt, der im Jagdanzug auf ihn zukam. Dieser wunderte sich, daß ein Mann von solchem Ansehen und Ruf sich zu so kleinlicher und unbedeutender Unterhaltung herablasse, und sprach:
`Bist du nicht jener Johannes, dessen ausgezeichneter und ruhmvoller Ruf auch mich zu dem heftigsten Verlangen gereizt hat, dich kennenzulernen? Warum gibst du dich nun mit solch geringfügiger Ergötzung ab? ´
Der heilige Johannes sprach zu ihm:
`Was ist das, was du in deiner Hand trägst? ´
Jener sagte: `Ein Bogen´. `Warum nun, sprach der Heilige, trägst du ihn nicht immer gespannt Umher? ´  Jener antwortete:
`Das geht nicht, damit nicht durch die beständige Krümmung die Kraft der Spannung nachlasse, erschlaffe und aufhöre, und damit nicht, wenn dann stärkere Pfeile auf ein Tier gerichtet werden sollten, wegen der durch zu lang dauernde Spannung verlorenen Kraft die Absendung eines tiefer bohrenden Schusses unmöglich wird. ´
`So möge denn, sprach der heilige Johannes, auch diese so kleine und kurze Abspannung unseres Gemütes dir, junger Mann, keinen Anstoß bieten. Denn wenn dieses nicht zuweilen durch einiges Nachlassen die Strenge seiner Spannung erleichtern und mildern würde, so könnte es, durch den ununterbrochenen Eifer erschlafft, der Kraft des Geistes, wo es die Notwendigkeit erfordert, nicht mehr entsprechen.“

(vgl. G. Posada, Der heilige Bruno)


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