Mittwoch, 29. Mai 2013

Verschiedene Eindrücke beim Besuch einer Kartause

Auf einen poetisch veranlagten Besucher wird das Ganze im ersten Moment eine romantische Wirkung ausüben. Die Einsamkeit der Gegend, die lautlose Stille im Kloster, unterbrochen durch das Vogelgezwitscher in der grandiosen Natur, die seltsam aneinandergebauten Häuschen, kurz, alle diese Wahrnehmungen vermitteln dem Besucher die Vorstellung von einer Romantik, die nicht zu überbieten ist. Was immer er gelegentlich in einem historischen Roman vom Klosterleben gelesen hat, wird nun lebendig und erfüllt ihn mit Entzücken.

Die Kartause kann jedoch auch einen schreckhaften Eindruck erwecken, der dem Besucher in die Glieder fährt. Allzu verschieden ist die Gegenwart des Kartäusers von derjenigen des Weltmenschen. Was ihm lieb und wichtig ist, wie Kunst und Wissenschaft, Sport und Mode, wird weit zurückgelassen. Der Kartäuser übersteigt dies alles und dringt in ganz andere Regionen vor. Der Eindruck kann dermaßen unheimlich sein, dass er nur an baldige Rückkehr in die Welt denkt und oft noch in der gleichen Nacht voller Entsetzen über die Mauern flüchtet.

Walter Nigg (Bruno und die Kartäuser in Geheimnis der Mönche, Zürich 1953)



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