Freitag, 14. September 2012

Über die Kartause Marianau 1974 (2 von 5)

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Das Leben ist kurz – man muß es nützen!
Besuch in Marienau, dem einzigen Kartäuserkloster Deutschlands

Abseits von den Touristenorten, wenige Kilometer vom württembergischen Leutkirch entfernt, liegt Marlenau: das einzige Kartäuserkloster Deutschlands. Als die Mönche vor zehn Jahren vor dem Lärm der Großstadt Düsseldorf und seines Flugplatzes ihre hundertjährige Kartause Maria Hain verließen, schlossen sie mit dem Allgäu einen „Pakt der Verschwiegenheit“. Das Allgäu hält in dieser waldreichen Gegend sein Versprechen. Sogar die Wege scheinen mehr abzuweisen als einzuladen,

Schilder halten Neugierige zurück, und hohe Mauern verwehren den Einblick.

Was hatte ich erwartet, als ich mich über den festen Händedruck des Priors wundere? War ich dem Volksgerücht erlegen, das - sofern es überhaupt etwas über diesen Einsiedlerorden weiß – von langen Nachtwachen, zehrendem Fasten und ewigem Schweigen zu erzählen weiß?

Der Kartäuserorden ist, kein populärer Orden, stellen die Männer in der weißen Kutte sachlich fest. Wie könnte es anders sein! Die Lebenserwartungen in Marienau laufen allem Prestigedenken und allen Beförderungswünschen der bundesdeutschen Mehrheit zuwider. Wer sich durch die Ordensgelübde und die Priesterweihe lebenslänglich zum Leben in der Kartäuserzelle entschlossen hat, hat, „weltlich" gesprochen, nichts mehr vom Leben zu erwarten. Aufgaben innerhalb des Ordens wie die des Priors, des Prokurators oder des Vikars sind Dienste, die widerrufbar sind.

Der Mönch gehört nach seiner Profeß der Eremitenzelle, die aus Wohn- und Schlafraum, Werkstatt und Garten besteht. 26 solcher Zellen gibt es in Marienau. Die kleinen Häuschen gruppieren sich um die Kreuzgänge, die zu Kirche, Bibliothek und Speisesaal Kontakt halten. Den Weg zur Kapelle macht der Mönch am häufigsten. Das Gebet führt ihn mit den Mitbrüdern zusammen. Nur an Sonn- und Feiertagen erlaubt eine kurze gemeinsame Erholung das Sprechen miteinander. Außerdem findet wöchentlich ein Spaziergang statt, der etwa vier Stunden dauert und der zur Aussprache dient. Der Rest ist Schweigen.

Der gemeinsame Speisesaal wird nur an Sonn- und Feiertagen benutzt. An den übrigen Tagen essen die Zellenmönche, was ihnen die Brüder in den Schalter stellen, der die Zelle mit dem Kreuzgang verbindet.

Pater Gerhard Eberts
Mainzer Kirchenzeitung „Glaube und Leben“, 5. Mai 1974

Foto aus dem Zeitungsbericht
 Bildtitel: 
Der Innenhof des erst vor zehn Jahren erbauten Klosters mit dem Friedhof
 im Vordergrund, auf dem bereits vier Mönche begraben liegen. 
Jedes Grab ist mit einem schlichten Holzkreuz versehen.

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