Montag, 5. November 2012

Über die Kartause Marianau 1995 (3 von 5)

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Fern von der Zivilisation leben sie wie eine unbemerkte Zelle im Gedärm von Hektik, Streß und Konsumallerlei. Kaum bekannt und am äußersten Rand der Gesellschaft führen die Kartäuser ein unscheinbares Leben in Stille und Zurückgezogenheit. Bei ihnen ist Schweigen mehr als Reden.

Gegründet wurde dieser Orden im 11. Jahrhundert von Bruno von Köln. Er suchte mit Gleichgesinnten die völlige Abkehr von der Welt, um allein Gott zugewandt zu sein. Dieses Bedürfnis führte ihn in die karge und verlassene Welt des Chartreuse-Massivs nur etwa 30 km entfernt von Grenoble in Frankreich.

Jede harte Entbehrung, Trennung und Entsagung schien der Sehnsucht nach Gottesnähe zu entsprechen. Das Extremste war gerade gut genug. Die harten Regeln, manchmal scheinen sie ans Unmenschliche zu grenzen, haben bis in unser Jahrhundert hinein Begeisterte gefunden. So besteht heute noch die Kartause "Marienau" mit beinahe 40 Patres  und Brüdern, das einzige Kartäuserkloster in Deutschland. Jeder Pater lebt in einer kleinen Wohneinheit. die aus vier einfachst ausgestatteten Räumen besteht: Schlafraum, Werkstatt, Holzlager und einem Gebetsräumchen. Diese Räume wird er sehr selten verlassen, werktags nur dreimal, um sich mit den Mitbrüdern in der Kirche zum gemeinsamen Gebet zu versammeln. Gegessen wird allein in der Zelle, nur am Sonntag gibt es ein gemeinsames Mittagessen im Refektorium.

Ein vierstündiger wöchentlicher Spaziergang in der Gemeinschaft ist die letzte Möglichkeit andere zu treffen. Den größten Teil seines Lebens verbringt ein Kartäusermönch zurückgezogen in seiner Zelle; in der Einkehr und im Gebet sucht er Gott mit beeindruckender Konsequenz. Nur die Brüder arbeiten tagsüber im Kloster in den verschiedenen wirtschaftlichen Bereichen. Aber auch dort ist Schweigen ebenso Gebot wie in der Zelle.

An diesem Ort der Unbedeutsamkeit ist nicht nur das Leben an extreme Formen angepaßt, auch der Umgang mit dem Tod wird in einer für uns weit entfernten natürlichen Einfachheit erlebt. Leben und Tod sind zwei reale, selbstverständliche Komponenten, die zusammengehören wie die Vorderseite und Rückseiteeines Blattes.

(Matthias Raidt:
Als ob es dich nie gegeben hätte
Bei einer Beerdigung in Marienau,
der letzten Kartause Deutschlands
Aachener Kirchenzeitung Nr. 48, 1995)

Foto aus dem Zeitungsberich

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