Mittwoch, 7. November 2012

Über die Kartause Marianau 1995 (5 von 5)

(5)

Das schwere bestickte Tuch wird rasch abgehoben und zusammengefaltet. Begleitet vom Psalmengebet der Mönche wird die Brettunterlage von der Bahre abgehoben und in die zwei Meter tiefe Grube abgesenkt. Ein kurzes Gebet, Weihrauch, ein Kreuzzeichen und sogleich, noch in Gegenwart der „Trauer"-Gemeinde, schaufeln zwei Brüder das Grab zu. Die Grube ist tief und es dauert mehrere Psalmen, bis sie vollends aufgefüllt ist. Ein schlichtes Holzkreuz ohne Namen wird aufgestellt. Nachdem die letzte Schaufel auf den Grabhügel gefallen ist, bewegen sich die Mönche schweigend vom Friedhof weg, zurück in ihre Welt, hinein in ihre selbstgewählte Einsamkeit, die für uns nur lähmende Wiederkehr des Schweigens ist.

Wenn in einigen Monaten wieder Rasen das schmale Rechteck des Grabes überzieht, dann wird nur dieses namenlose Holzkreuz einen Besucher daran erinnern, daß darunter ein Mensch begraben liegt, der in Aufopferung für Gott gelebt hat; unscheinbar im Leben, unscheinbar im Tod. Ich erinnere mich plötzlich daran, daß ich einst in der Kartause den Satz gehört habe: "Mönch, wenn du tot bist, dann muß es sein, als ob es dich nie gegeben hätte". Die Bedeutung des Satzes trifft mich heute mit besonderer Heftigkeit. Ich wollte diese Aussage innerlich nie akzeptieren, sie ist so unangenehm absolut.

Auf dem kleinen Friedhof inmitten des Kreuzganges stehen mehr als ein Dutzend solcher Holzkreuze. Wer sie anschaut, wird eigentümlich berührt, jedes Kreuz steht wie ein "schweigendes Ausruf-Zeichen". Darunter liegen Menschen, die diesen Satz ernst genommen haben.

(Matthias Raidt:
Als ob es dich nie gegeben hätte
Bei einer Beerdigung in Marienau,
der letzten Kartause Deutschlands
Aachener Kirchenzeitung Nr. 48, 1995)


Fotos aus dem Zeitungsbericht

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