Freitag, 23. Januar 2015

Untreue in den äußeren Dingen tötet die Frömmigkeit

IL012-VW12

Bei der Frömmigkeit, wie übrigens bei allen Dingen, ist das Äußere der kleine Aspekt. Sobald ich daraus das Wichtigste mache, verkümmert alles in mir, alles wird kleinlich, mein geistiger Horizont verengt sich, ich werde der Sklave kleiner Nebensächlichkeiten, die mir keine freie Entwicklung erlauben. Ich glaube, dass etwas Untreue in den äußeren Dingen die Frömmigkeit tötet. Bei meiner stimmt das leider, sie ist ganz äußerlich. Wenn ich meinen kleinen Übungen treu bleibe, sperre ich mich in sie wie in ein Gefängnis ein. Wenn ich sie vernachlässige, bleibt mir dann gar nichts mehr.

Das ist eine tägliche Erfahrung. Und darum sieht man die armen Seelen unaufhörlich beschäftigt hin und her laufen, bald nehmen sie ihre Übungen wieder auf, dann lassen sie diese allmählich und kommen wieder darauf zurück, um sie noch einmal aufzugeben.

Daher gibt es nur Stückwerk und Teile, oder man schleppt sich in der Frömmigkeit durch eine Menge Kleinigkeiten, die nicht zusammenhängen und keine Tragweite haben. Es gibt keine Einheit in der Seele, ihre Kräfte zerbrechen bei einer Menge von Übungen, für die es keinen gemeinsamen Mittelpunkt, kein höheres Ziel gibt. Nichts ist beklagenswerter, als wenn die Ideen nicht miteinander zusammenhängen, für den Willen kein festes Ziel gegeben und in den Handlungen kein fester Zusammenhang vorhanden ist. 

Die Frömmigkeit ist kein lebender Körper mehr, sie ist eine Reihe tastender, zögernder Versuche. Man hat den Eindruck, es fehlt der Kompass, so wenig hängen die Bewegungen des Schiffes zusammen. Er fehlt tatsächlich; in diesem Leib fehlt die Seele. Man hat den einzelnen Buchstaben, der tötet, man hat nicht den Geist, der lebendig macht. Die Zersplitterung, die Teilung, der Individualismus ist das revolutionäre Übel in der Frömmigkeit.

(Dom François de Sales Polien, IL, 20150123)


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