Montag, 14. Februar 2011

Gott schauen, 12

1.      Die Wirkungen der Kontemplation

Durch solche glühenden Worte entbrennt die Seele immer mehr im Verlangen, 
tut ihre Liebe kund und ruft in beständigem Flehen ihren Bräutigam herbei. 
Der Herr aber, dessen „Augen auf die Gerechten blicken und 
dessen Ohren ihr Schreien hören“ (Ps 34,16), wartet nicht einmal, 
bis sie ihre Bitten ausgesprochen haben. 
Er unterbricht ihr Gebet und eilt der Seele, die ihn ersehnt, plötzlich entgegen. 
Er ist vom Tau himmlischer Süßigkeit benetzt und mit köstlichem Öl gesalbt. 
So erquickt er sie, stillt ihren Hunger und Durst und lässt sie das Irdische vergessen. 
Der Gedanke an ihn stärkt sie wunderbar, belebt sie 
und macht sie trunken und nüchtern zugleich. 
Und wie die Seele von sinnlicher Lust und Begierde so sehr gefesselt werden kann, 
dass sie den Gebrauch ihrer Vernunft verliert, so dass der Mensch gewissermaßen 
ganz fleischlich wird, so werden dagegen in der Kontemplation 
seine sinnlichen Begierden so sehr überwunden und verzehrt, 
dass das Fleisch dem Geist nicht mehr widerstreitet und der 
Mensch gewissermaßen durch und durch vergeistigt wird.

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